The Texas Chainsaw Massacre (1974)

The Texas Chainsaw Massacre (1974)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Stadt, Land, Mord – Wie alles begann

Gäbe es einen Preis für den Titel einflussreichster Horrorfilm aller Zeiten, so stünde Tobe Hoopers 1974 mit Minimalbudget gedrehtes Werk The Texas Chainsaw Massacre wohl mit auf dem imaginären Siegerpodest. Ihm verdanken wir die Etablierung heute üblicher Genrekonventionen wie etwa das "final girl" oder die Grundkonstellation der sogenannten "Backwood-Slasher", bei denen ahnungslose Städter direkt in die Fänge (oder Äxte, Sägen und sonstiges Werkzeug) geraten – an diesen und anderen Elementen arbeiten sich noch heute Generationen von Nachwuchsregisseuren ab.
Ein Grund für die enorme Wirkung, die TCM – wie Fans den Titel liebevoll abkürzen, war zur Zeit der Veröffentlichung Hoopers Insistieren, der Film beruhe auf wahren Begebenheiten. Und tatsächlich erinnern Leatherface und seine Familie an den Serienmörder Ed Gein, dessen Verbrechen Ende der 1950er Jahre die USA in eine Schockstarre versetzten, die schließlich 1960 von Alfred Hitchcock in Psycho in eindrückliche Bilder gepackt wurde. Mehr als ein Jahrzehnt später folgten die bestialischen Morde der Manson-Family, die abermals die amerikanische Gesellschaft in Angst und Grauen versetzte. Und gerade weil Tobe Hooper dieses durch den Vietnam-Krieg und die Watergate-Affäre weiter erschütterte Klima sozialer Verunsicherung aufgreift und verfremdet und ganz nebenbei den Mythos von der Familie als Hort der Sicherheit und Geborgenheit mit größtmöglicher Brachialität dekonstruiert, wurde sein Film zu einem zeitdiagnostischen Statement wie kaum ein anderes.

Von der enormen Wirkung zeugen auch die heftigen Kontroversen, die der Film hervorrief. Obwohl sich ein Großteil des Grauens vor allem im Kopf des Zuschauers abspielt (ganz ähnlich wie bei Hitchcocks berühmtem Duschmord in Psycho), galt The Texas Chainsaw Massacre lange Zeit als extrem gewalttätiger Film, den man in seiner Originalfassung dem Publikum nicht zumuten könne. Die "Cuts", denen sich der Film in vielen Ländern ausgesetzt sah, übertraf das Maß an in Film gezeigten Verstümmelungen auf so eklatante Weise, dass dem Film, den aufgrund der Zensurmaßnahmen kaum jemand in der ursprünglich intendierten Fassung kannte, bald schon legendärer Ruf vorauseilte. Anlässlich des 40. "Geburtstages" des Films ließ das texanische Filmfestival South by Southwest (SXSW) in Austin eine aufwendige 4K-Fassung anfertigen, die schließlich in diesem Jahr als Sonderaufführung in Cannes an die skandalumwitterte Aufführung des Films bei der Quinzaine des Réalisateurs im Jahre 1975 erinnerte.

The Texas Chainsaw Massacre ist auch heute noch ein echtes Erlebnis – und das nicht nur wegen der beeindruckenden Qualität der Restaurierung, die den Film frisch und lebendig wie am ersten Tag erstrahlen lässt, ohne dass die Bilder deshalb steril oder aus ihrem historischen Kontext entbunden wirken würden. Es ist vor allem die Feststellung, dass Tobe Hoopers schlichte, aber enorm effiziente Inszenierungsweise bis zum heutigen Tage nichts von ihrer grausigen Faszination verloren hat. Die implizite Explizitheit der Bilder, das bizarr-schöne Setdesign und die Spezialeffekte, das Wummern, Krachen, Gnarzen und Grunzen auf der Tonspur, die Schlichtheit des Storytelling, das sich nicht lange mit gewundenen dramaturgischen Ellipsen aufhält (von der eher satirisch zu nennenden Figurenzeichnung des Beginns mal ganz abgesehen) – all das wirkt auch heute noch ungeheuer lebendig (nun ja...) und so, dass man bedenkenlos ganze Heerscharen von Nachwuchsfilmern vor die Leinwand platzieren kann, damit sie begreifen, dass gerade aus der Beschränkung der (auch finanziellen) Mittel Filme entstehen können, die unmittelbar an die Synapsen und Eingeweide der Rezipienten andocken und den Zuseher nicht mehr loslassen.

Nun schafft es der Film in der frisch restaurierten und ungekürzten Fassung sogar erstmals in dieser Form in die deutschen Kinos, wenngleich Drop-out Cinema die Wiederaufführung als "limited release" vornimmt. Dennoch: Wer sich für Horrorfilme interessiert und noch nie die Gelegenheit dazu hatte, TCM in seiner ganzen gruseligen Pracht zu sehen, sollte sich diese seltene Gelegenheit nicht entgehen lassen. Denn auch nach 40 Jahren hat dieser Solitär nichts von seiner Wucht verloren. Angenehme Albträume...

The Texas Chainsaw Massacre (1974)

Gäbe es einen Preis für den Titel einflussreichster Horrorfilm aller Zeiten, so stünde Tobe Hoopers 1974 mit Minimalbudget gedrehtes Werk "The Texas Chainsaw Massacre" wohl mit auf dem imaginären Siegerpodest. Ihm verdanken wir die Etablierung heute üblicher Genrekonventionen wie etwa das "final girl" oder die Grundkonstellation der sogenannten "Backwood-Slasher", bei denen ahnungslose Städter direkt in die Fänge (oder Äxte, Sägen und sonstiges Werkzeug) geraten – an diesen und anderen Elementen arbeiten sich noch heute Generationen von Nachwuchsregisseuren ab.
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