The Terror (TV-Serie, 2018)

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The Terror heißt die neue AMC-Produktion, die exklusiv bei Amazon zu sehen ist. Was verbirgt sich hinter der Mischung aus Historiendrama und Horror? Und lohnt sich das Streamen?

The Terror (TV-Serie, 2018)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Das unheimliche Wesen aus dem Eis

Einst als Bezahlkanal unter dem Namen American Movie Classics gestartet, ist der US-Sender, der nur noch unter seinem Kürzel AMC firmiert, längst eine veritable Serienschmiede. Mad Men, Breaking Bad, The Walking Dead oder die von Kritik und Preisverleihungen sträflich vernachlässigte, grandiose Alternativgeschichte des Computerzeitalters Halt and Catch Fire zählen schon heute zu modernen Fernsehklassikern. Klar, dass von diesem Erfolg auch die Streaming-Riesen eine Scheibe abhaben wollen. Die Romanadaption The Terror hat sich nun Amazon exklusiv gesichert. Jeden Montag ist eine neue Folge der düsteren Polarexpedition zu sehen.

Kälte, Verzweiflung, Überlebenswille – John Franklin (Ciarán Hinds) und Francis Crozier (Jared Harris) kennen sich damit aus. Die Kapitäne der Royal Navy sind nicht zum ersten Mal in eisigen Gefilden unterwegs. Sie sind „arktische Veteranen“, wie Sir Francis betont, um sich von Sir Johns Erstem Offizier James Fitzjames (Tobias Menzies) und dessen despektierlichem Gerede abzugrenzen. Nach mehreren gescheiterten Anläufen unternehmen Franklin und Crozier 1845 einen weiteren Versuch, die Nordwestpassage zu finden. Es soll ihr letzter bleiben. Die Expedition verschwindet spurlos. Ihre Schiffe werden erst 2014 und 2016 entdeckt.

Schon deren Namen verkünden Unheil. Franklin kommandiert die HMS Erebus, auf den griechischen Gott der Finsternis getauft, Crozier die HMS Terror. Zwei ehemalige Kriegsschiffe, die auf dem neusten Stand der Technik sind. Der Glaube daran, aber vor allem sein Glaube an Gott und die eigene Größe treiben Sir John voran. Die Serie taucht tief ein in diese Zeit, in der Männer noch von einem „Abenteuer für Königin und Vaterland“ träumten, wie Franklin es formuliert.

Florian Hoffmeisters Einstellungen zeigen diese Männer häufig als winzige Punkte aus der Vogelperspektive. Den aussichtslosen Kampf des Menschen gegen die Natur packt der deutsche Kameramann in Bilder von unerbittlicher Schönheit. Wenn unter Wasser gezittert, im Schnee gebibbert und in der Operationskajüte geschnippelt und ausgeweidet wird, gefriert dem Publikum das Blut in den Adern. Die Kulissenhaftigkeit mancher Eislandschaft kann aber auch Hoffmeister nie ganz verbergen.

Während Franklin seine Zweifler mit dem ungläubigen Thomas gleichsetzt und seine Crew mit der Aussicht auf einen Eintrag in die Geschichtsbücher lockt, gibt Crozier den einsamen Rufer in der Eiswüste. In diesen Breiten sei die Technik immer noch dem Glück unterworfen. Doch Croziers Warnung bleibt ebenso ungehört wie jene, die früh in der ersten Episode wie ein Menetekel über der gesamten Serie steht: „Du weißt, wozu verzweifelte Männer fähig sind. Wir wissen es beide“, erinnert Crozier seinen Vorgesetzten. Sechs Tage später stecken sie fest. Da hilft kein Hacken, Sägen oder Sprengen. Die Vorräte reichen für drei Jahre. Doch der Winter ist lang und dunkel und fördert nicht in jedem die hellste Seite zutage.

The Terror ist ein düsterer Zwitter aus Fakten und Fiktion. Die Serie basiert auf Dan Simmons‘ gleichnamigem Roman, der den wahren Ereignissen unerklärliche beigemischt hat. Damit dessen Geschichte im Serienformat auch bedrückend wie berückend aussieht, hat AMC neben Simmons unter anderem Urgestein Ridley Scott als geschäftsführenden Produzenten gewonnen. Dem hat Regisseur Edward Berger gleich in der ersten Folge Reverenz erwiesen. Wenn ein Matrose sich rücklings auf einem Tisch krümmt und Blut spuckt, verbeugt sich Berger tief vor Scotts Alien (1979). Das visuelle Zitat ist klug gewählt, schließlich kommt wenig später mit einem sterbenden Schamanen (Apayata Kotierk) und dessen Tochter (Nive Nielsen) das Fremde und die Angst davor an Bord, während draußen etwas anderes lauert: kein unheimliches Wesen aus dem All, ein unheimliches Wesen aus dem Eis.

Die Prämisse klingt vielversprechend, scheint sie doch auf eine Kombination der stärksten Serien des Senders hinauszulaufen: auf wandlungsfähige Charaktere in Extremsituationen wie in Breaking Bad, auf den Horror aus The Walking Dead und das Zeitkolorit von Mad Men. Aus letztgenannter ist Jared Harris wieder mit dabei, der mit seinem unaufgeregten, aber im entscheidenden Moment stets prononcierten Spiel erneut namhaften Kollegen in einem erstklassig besetzten Ensemble die Schau stiehlt.

Sein Kapitän Francis Crozier ist die Stimme der Vernunft in diesem Wettlauf um Weltruhm. Ein Mahner, der sich vor der Hybris seiner Gefährten fürchtet. Ein Humanist, der auf die Inuit nicht von oben herabblickt, ihre Sprache spricht, ihre Kultur respektiert. Andere, etwa der Schiffsarzt Stephen Stanley (Alistair Petrie), fassen die Ureinwohner nicht einmal an und rufen dadurch die Opposition des Stanley untergebenen Chirurgen Henry Goodsir (Paul Ready) hervor. Hier wie an anderer Stelle, der Nebenhandlung um den homosexuellen Matrosen Cornelius Hickey (Adam Nagaitis) aber auch der um Sir Johns streitbare Ehefrau Lady Jane (großartig: Greta Scacchi), die dem Klub der alten Herren zu Hause in London die Leviten liest, deuten sich Querverweise in unsere politisch umkämpften Zeiten an.

David Kajganich, der als Drehbuchautor an allen zehn Folgen beteiligt ist, bringt das äußerst verdichtet zu Papier. Durch zwei parallel montierte Mahlzeiten führt er neben der Ausgangslage auch die Milieus an Bord ein, wenn sich das Gespräch der Offiziere und das der Matrosen virtuos ergänzen. Die wichtigsten Protagonisten sind schnell umrissen. Dezent gesetzte Rückblenden legen sukzessive das schwierige Verhältnis der beiden Kapitäne und Croziers Seelenlandschaft frei. Eine gewisse Hast, was Charakterzeichnung und den Fortgang der Handlung betrifft, kann Kajganichs Skript allerdings nicht verbergen. An die bereits erwähnten AMC-Produktionen, die ihr umfangreiches Personal weitaus komplexer und zugleich müheloser auf den Fernsehschirm warfen, reicht The Terror nicht heran.

So eindeutig die Fronten zunächst verlaufen – mit den törichten, bornierten Mannen um Sir John auf der einen, den vernünftigen um Sir Francis auf der anderen Seite –, ist die Lage freilich nicht. Auch in Crozier, der seine gekränkte Eitelkeit zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Hochprozentigem hinunterspült, scheint noch eine andere, tiefschwarze Ader zu fließen. Im Angesicht des drohenden Untergangs geht es letztlich auch beim Kapitän der Terror um Macht und deren Erhalt. Als er Cornelius Hickey wegen Ungehorsams auf dem blanken Hintern auspeitschen lässt und dieser den Schmerz sichtlich genießt, formieren sich die Linien neu.

Es ist dieses Gefühl des Unbehagens, das jede Figur jederzeit in ihr Gegenteil umschlagen kann, das zum Weitersehen anregt. Ob das Gefühl berechtigt ist und ob die Beziehungen der Figuren mit den Folgen komplexer werden, bleibt abzuwarten. Für diese Kritik standen vorab lediglich die ersten vier von zehn Episoden zur Verfügung. Der Auftakt lässt zumindest auf einen Abgesang aufs Heldentum mit rabenschwarzem Ausgang hoffen.

The Terror (TV-Serie, 2018)

In der Anthologieserie The Terror geht es um die bekanntlich tragisch endende Polarexpedition des Briten Sir John Franklin. In der Arktis wird dieser mit seiner Crew vom puren Grauen in Form eines blutrünstigen Monsters überfallen.

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