The Tall Man

The Tall Man

Eine Filmkritik von Lida Bach

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?

800.000 Kinder werden jedes Jahr vermisst gemeldet. 1.000 von ihnen bleiben es für immer. Und 18 dieser 1.000 Kinder verschwanden in Cold Rock. Vom wirtschaftlichen Aufschwung der ehemals prosperierenden Minenarbeiterstadt sind nur Überreste geblieben. Die Zeichen früheren Wohlstands sind traurige Relikte der Zeit, als die Einwohnerzahl noch wuchs statt zu schrumpfen. Beunruhigender als das Verschwinden der Älteren ist das der Jungen. Manchmal sprechen die Menschen in Cold Rock resigniert vom sozialen Niedergang, der die Erwachsenen abwandern lässt. Und manchmal erzählen sie furchtsam von dem Ungeheuer, das ihnen ihre Kinder nimmt: The Tall Man.
Diesen Namen geben die Bewohner der schwarzgekleideten Gestalt, von der es heißt, sie habe die in Cold Rock verschwundenen Kinder geholt. Die Titelfigur von Pascal Laugiers Horrorthriller begegnet dem Zuschauer als eine Mischung aus volkstümlichem Aberglauben und urbaner Legende. Groß und hager, erinnert seine Erscheinung an den leibhaftigen Tod. Ähnlich unbarmherzig wie dieser raubt der finstere Fremde die Kinder. Einige von deren Eltern wollen gesehen haben, wie er seine Beute in die umliegenden Wälder verschleppt, um ihr dort Schreckliches anzutun. Das Schicksal der Vermissten scheint noch furchtbarer dadurch, dass niemand es kennt. Denn die lokale Polizei findet beim Durchkämmen der nebelverhangenen Waldlandschaft weder die Leichen noch andere Hinweise auf den Verbleib der Kinder. Eines von ihnen ist David. Das Verschwinden ihres kleinen Sohnes ist für Julia Denning (Jessica Biel) nicht der erste mysteriöse Verlust.

Der Tod ihres Mannes hat das Wohlwollen der Einwohner in Misstrauen gegenüber der jungen Medizinerin verwandelt. Der Argwohn äußert sich in abfälligen Bemerkungen und scheelen Blicken, die ihre eigene Geschichte von verhohlener Bigotterie und Beschränktheit im Kleinstadtmilieu erzählen. Der heruntergekommene Handlungsort im Nordwesten der USA wird seinem Namen gerecht. Cold Rock selbst wirkt kalt und abweisend und genauso geben sich die Einwohner. Das Wetter ist kühl und Regenwolken dämpfen das Tageslicht zu fahlem Halbdunkel. Es ist ein Klima, in dem moderne Mythen gedeihen und alte neue Macht gewinnen. "Es ist eine Legende, ein Kinderreim, ein Märchen", heißt es von der urbanen Sage, der Hysterie, Aberglaube und unterschwellige Ressentiments eine bedrohliche Realität verliehen zu haben scheinen. Das englischsprachige Debüt des französischen Drehbuchautors und Regisseurs von Martyrs zieht seine Kraft aus der Sage vom Schwarzen Mann, die schon Horrorkultfilme wie Halloween und A Nightmare on Elm Street inspirierte.

Anders als in ihnen ist der Titelcharakter kein Kinderschreck; er ist ein Elternschreck. Ihren unheimlichen Reiz gewinnt die Gestalt des Häschers dadurch, dass ihn gerade die Erwachsenen am meisten fürchten. Dabei sind sie es für gewöhnlich, die Phantome wie The Tall Man erst erfinden, um Kinder zu ängstigen oder zu ermahnen. Die Ermahnung von Laugiers mystisch eingefärbter Milieu-Kritik hingegen gilt den Erwachsenen, deren Erzählungen vom Buhmann zu gespenstischem Eigenleben erwachen. Die vagen Bilder dunstiger Wälder und zwielichtiger Straßen erwecken eine Ahnung von der verborgenen Macht mündlicher Überlieferung. Ihre märchenhafte Düsterkeit wirkt länger nach als die ambivalente Moralbotschaft, die Laugier überdeutlich an das soziale Gewissen des Publikums richtet.

Als Mainstream-Annäherung des umstrittenen Filmautors ist The Tall Man unbefriedigend, so wie es Martyrs als Beitrag zur als new french extremity bezeichneten radikalen Strömung des französischen Kinos war: nicht aufgrund von zu wenig, sondern zu viel Kompromissbereitschaft.

The Tall Man

800.000 Kinder werden jedes Jahr vermisst gemeldet. 1000 von ihnen bleiben es für immer. Und 18 dieser 1000 Kinder verschwanden in Cold Rock. Vom wirtschaftlichen Aufschwung der ehemals prosperierenden Minenarbeiterstadt sind nur Überreste geblieben. Die Zeichen früheren Wohlstands sind traurige Relikte der Zeit, als die Einwohnerzahl noch wuchs statt zu schrumpfen. Beunruhigender als das Verschwinden der Älteren ist das der Jungen.
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