The Smell of Us (2014)

The Smell of Us (2014)

Eine Filmkritik von Patrick Wellinski

Exploitative Bilder

Es gibt Regisseure, die drehen nur einen Film. Daran ist nichts Verwerfliches. Solange es neue Variationen des gleichen Themas sind. Truffaut versuchte seine Jugend mit seinen Filmen immer wieder aufs Neue zu fassen, bei Fellini war es dasselbe, Bergman versuchte, die Beziehung zu seinem Vater und zu den Frauen seines Lebens auf der Leinwand zu verhandeln. Dabei schufen sie Meisterwerke. Problematisch wird das Ganze, wenn ein Regisseur immer das Gleiche mit den gleichen Mitteln dreht. Wie Emir Kusturica, der nur noch Katzen durchs Bild wirft und sich dabei ständig wiederholt und deshalb unerträglich geworden ist. So unerträglich wie die Filme seines Kollegen Larry Clark.

1995 bediente Clark mit Kids den Zeitgeist wie kein anderer. Sein HIV-Drifter-Drama war durchtränkt mit der fatalistischen Ziellosigkeit von Teenagern, die sich von einem Drogentrip zum nächsten Quickie hangeln. Dieser Film war ein eindrücklicher Blick in eine Welt, in der Erwachsene nichts verloren haben, in der andere Gesetze herrschen, in der Jugendliche nur sich selbst und ihren Körpern begegnen. Das war damals skandalös. Und Clark sieht sich bis heute als der Chronist adoleszenter Lebenswelten. Leider hat ihn die Zeit längst überholt und offenbart einen erschreckenden Zynismus.

Das beste Beispiel ist Clarks letzter Film The Smell of Us. Anders als seine vorherigen Filme spielt dieser nicht in den Vereinigten Staaten, sondern in Frankreich. Dennoch kommt uns das Milieu schnell bekannt vor. Gleich am Anfang springen lockenköpfige Skaterboys über einen Obdachlosen, der sich kaum vor den Übergriffen retten kann. Die Teenies kiffen, vögeln, saufen und nehmen alles mit ihren Smartphones auf. In den Fokus rücken zwei Freunde, die sich als Callboys verticken. Im Internet werden sie vor allem von alten Männern angeheuert. Dabei sind sie nicht schwul, was der Film wohl sehr wichtig findet. Es ist ein tödlicher Teufelskreis aus Prostitution, Vergewaltigung und freiwilliger Sexarbeit, die beide Jungs an den Rand des Nervenzusammenbruchs treibt.

Das Prinzip des Gay for Pay, die damit einhergehenden sozialen und genderpolitischen Implikationen interessieren Clark nicht. Er hat nichts Relevantes zu sagen. Er nutzt seine jungen Schauspieler bis an den Rand des billigen Voyeurismus aus. Jede Szene beginnt mit einer Naheinstellung in den Schritt eines Jungen. Jedes zweite Mal greift sich dieser in die Boxershorts. Was soll das sagen? Was für ein Gefühl soll das auslösen? Die Antworten fallen sehr unangenehm aus. Der Blick auf diese Jungenkörper hat etwas zutiefst Menschenverachtendes. Was dazu kommt: Die Erwachsenen, vor allem die Freier und die Eltern der Jungs, sind ins Cartoonhafte gezeichnete Monster, die aus völlig unverständlichen Gründen alle Teenager aus- und benutzen.

The Smell of Us hat nichts über juvenile Ängste zu sagen. Der Film findet in einem parallelen Universum statt. Die Welt, die Clark porträtiert, hat nichts Zeitgenössisches. Etwas, was Kids noch so spannend gemacht hat. Er zeigt Smartphones und inszeniert Internetsex, aber Clark hat schockierend wenig Gespür für die Abgründe des Aufwachsens im digitalen Zeitalter. Was bleibt sind die exploitativen Bilder, die ohne Zuneigung die Teenagerkörper ausstellen. Selten wollte man die Darsteller vor den Absichten eines Regisseurs so sehr in Schutz nehmen. Es klingt hart, das soll es auch, aber es wäre für alle Beteiligten wirklich besser, wenn Larry Clark aufhören würde, Filme zu machen.
 

The Smell of Us (2014)

Es gibt Regisseure, die drehen nur einen Film. Daran ist nichts Verwerfliches. Solange es neue Variationen des gleichen Themas sind. Truffaut versuchte seine Jugend mit seinen Filmen immer wieder aufs Neue zu fassen, bei Fellini war es dasselbe, Bergman versuchte, die Beziehung zu seinem Vater und zu den Frauen seines Lebens auf der Leinwand zu verhandeln. Dabei schufen sie Meisterwerke.

  • Trailer
  • Bilder
Meinungen
Sarah Christin · 08.08.2015

Larry Clark zeigt mit all seinen Filmen die Abgründe von Jugendlichen die meist keine Perspektive im Leben haben.
Ich kann dieser Kritik auf keinster Weise zustimmen da meiner Meinung nach Larry Clark ein brillianter Fotograf und Regiesseur ist, natürlich sind seine Filme düster und kalt aber so ist sein Stiel.
Wer damit nicht klar kommt sollte sich lieber eine 0815 Hollywood Komödie anschauen.

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.