The Sinner (2017)

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Ein Sonntag an einem See. Plötzlich steht Cora Tanetti auf, lässt Sohn und Ehemann auf der Decke zurück und ersticht einen anderen Mann vor aller Augen. Ein schreckliches Blutbad. Was hat sie nur zu dieser Tat getrieben?

The Sinner (2017)

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Die Tapete an der Wand

The Yellow Wallpaper von Charlotte Perkins Gilman kommt einem in The Sinner beständig in den Sinn. Die Kurzgeschichte erzählt von einer jungen Mutter, deren Ehemann ihr Ruhe verordnet hat und sie daher in einem Haus nahezu festhält. Sie starrt auf die gelbe Tapete in einem Zimmer, beginnt Muster zu sehen, glaubt, dahinter stecke eine Frau fest – und driftet immer mehr in ihren Vorstellungen ab. Auch Cora Tanetti (Jessica Biel) erinnert sich an eine Tapete mit einem spezifischen Muster. Sie weiß nicht, wo diese Tapete ist. Doch sie weiß, dass sie ihr Angst macht.

Bisher hat sie über die Tapete aber nicht gesprochen. Ohnehin spricht sie nicht allzu viel, aber das fällt anscheinend gar nicht so auf. Schließlich sieht ihr Leben auf den ersten Blick ganz normal aus. Sie arbeitet mit ihrem Mann Mason (Christopher Abbott) in dem Betrieb von dessen Eltern, die Klimaanlagen verkaufen und einbauen, und sie haben einen kleinen Sohn. Doch dann gehen sie an einem Sonntag an einen See. Junge und alte Menschen genießen die Zeit, Kinder spielen, Familien sitzen auf einer Decke. Und Cora Tanetti schält ihrem kleinen Sohn eine Birne. Plötzlich steht sie auf, geht zu einer anderen Decke und ersticht den jungen Arzt Frank Belmont (Eric Todd) mit 13 wohlplatzierten Stichen.

Diese Szene ist schockierend – und wäre sicherlich auch ein furioser Anfang für die Serie gewesen. Doch vorher war schon mehr von Cora Tanetti zu sehen, die diese Tat wie den Ausbruch von Verzweiflung, wie einen Moment des Wahns erscheinen lassen – so wie auch in The Yellow Wallpaper ist die nächstliegende Erklärung, dass die Erzählerin wahnsinnig geworden ist. Da sind die leisen Misstöne, wenn Coras Schwiegermutter bestimmt, ihr Enkelsohn müsse noch aufessen. Wenn Cora und ihre Familie jeden Abend mit den Schwiegereltern essen und Mason es nicht schafft, seinen Eltern diesen Wunsch abzuschlagen. Wenn Mason Cora fragt, ob sie wieder Sex haben können, da es ihr ja bessergehe. Und Cora anschließend auf dem Bett liegt und es über sich ergehen lässt. Außerdem ist Cora kurz vor dem Vorfall sehr weit auf den See hinausgeschwommen, so dass Mason sich schon Sorgen gemacht hat – vielleicht zurecht, denn für einen Moment hat sich Cora einfach so sinken lassen. Das alles sind Indizien, dass in Cora etwas brodelt, dass sie kurz vor der Eruption steht. Aber es erklärt immer noch nicht, warum sie diese Tat begangen hat.

Es ist die Frage nach dem Warum, die Detective Harry Ambrose (Bill Pullman) – von den deutschen Untertiteln beständig als Lieutenant bezeichnet – nicht mehr loslässt. Sicherlich ist Cora geständig, es gibt auch ausreichend Zeugen. Es sei ihre Schuld, betont sie immer wieder. Aber sie sagt auch, sie würde Frank Belmont nicht kennen und wisse nicht, warum sie ihn getötet habe. Aber das glaubt Harry Ambrose nicht und befragt die Zeugen noch einmal – und siehe da: Franks Freund, der direkt daneben saß, glaubt ein Erkennen in dessen Augen gesehen zu haben, so dass er sich nicht gewehrt habe. Franks Freundin erzählt, dass es in Franks Vergangenheit ein Erlebnis gibt, das ihn sehr verändert hat. Das reicht Harry Ambrose um weiterzumachen, obwohl seine Kollegen nicht glauben, es käme etwas dabei heraus. Aber er braucht diesen Erfolg, weil seine Ehe gerade zerbricht und er nicht loskommt von seiner Geliebten und ihren BDSM-Spielen.

Ein einsamer Ermittler, der einer Verdächtigen helfen will, ist sicherlich ein altes Krimi-Klischee. Aber in The Sinner sorgt zunächst die gute Inszenierung der ersten Folgen dafür, dass man wissen möchte, wie es weitergeht. Dazu sind sowohl Bill Pullman als knorriger, wortkarger, still verzweifelter Detective als auch Jessica Biel als überforderte, an sich zweifelnde Verdächtige sehr überzeugend. Rein optisch verkörpert Biel ja ein wenig das typische All-American-Girl, eine Wahrnehmung, zu der sicherlich auch ihre Rolle in Eine himmlische Familie beigetragen hat. Seither hat sie versucht, dagegen anzuspielen – hier aber zeigt sich, dass sie über weit mehr Bandbreite verfügt als sie bisher gezeigt hat. Auch Christoper Abbott verleiht seiner Rolle, die zunächst sehr nach dem netten Ehemann und dann nach dem netten Trottel aussieht, aber weit mehr ist, die nötige Präsenz.

Einige Zeit glaubt man zu wissen, worauf The Sinner hinauswill. Aber nein, so einfach macht es sich die Serie nach dem Buch Die Sünderin von Petra Hammesfahr dann doch nicht. Indem hier von vorneherein feststeht, wie die Tat geschehen ist, konzentriert sich die Aufklärung auf die Hintergründe – und je näher man der Auflösung kommt, desto spannender wird die Frage nach dem Warum.

Dabei enthüllen Rückblenden Hinweise auf die Gründe, die in Coras Vergangenheit liegen – und die auch verdeutlichen, warum sie so sehr gewillt ist, das Urteil und ihre Schuld zu akzeptieren. Denn sie war immer schuldig: Weil sie ihrer Mutter bei ihrer Geburt so viel Kraft geraubt hat, ist ihre kleine Schwester bei deren Geburt fast gestorben. Aber ihre Mutter hat gebetet, die kleine Schwester hat überlebt, aber nun ist sie chronisch krank. Jede Sünde – und sei es ein Stück Schokolade – führt nach Überzeugung der Mutter zu einem weiteren Krankheitsschub, jeder unzüchtige Gedanke kann den Tod bedeuten. Deshalb muss Cora immer wieder beten, um Vergebung bitten und ist stets dem Gedanken ausgeliefert, dass sie ein schlechter Mensch ist.

Im Gegensatz aber zu anderen Serien werden hier nicht willkürlich Teile zurückgehalten, sondern man folgt Coras langsamen Erinnerungsprozess, der durch die Fragmente, die immer wieder eingeblendet werden, auch nachzuvollziehen ist. Daher glaubt man ihr auch, dass sie sich tatsächlich erinnern will – um dann endgültig mit den Dämonen der Vergangenheit zu leben. Denn das ist ihre einzige Chance auf ein Leben, das ein wenig ihren Vorstellungen entspricht.

Den ersten drei Episoden gelingt es mühelos, die verschiedenen Stränge einzuführen auch die Folgen des gegenwärtigen Verbrechens für Coras jetzige Familie deutlich zu machen. Jedoch lässt das Tempo im Mittelteil nach, hier wirkt insbesondere der Subplot um Harry Ambrose im Verlauf der Serie überflüssig. Sicherlich wird auch hier die Idee von Bestrafung verhandelt, aber letztlich erfährt man über den wortkargen Mann zu wenig, um hier wirklich Rückschlüsse zu ziehen – und zu viel, damit der Subplot nicht stört. Hier hätte man sich noch stärker auf die weibliche Hauptfigur konzentrieren sollen.

The Sinner ist die Geschichte einer Frau, die nach und nach die Kontrolle über ihr Leben nicht einfach zurückgewinnt, sondern erstmals erhält. Denn wie in The Yellow Wallpaper ist es nicht einfach ein Wahnsinn oder eine Verrücktheit, die ihre Tat erklärt, sondern die Gründe hierfür liegen an zum Teil überraschenden Orten.

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Cora Tanner am Strand
The Sinner von Antonio Campos

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Titel
The Sinner (2017)
Die Tapete an der Wand

Daten und Fakten

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DVD
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Netflix
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