The Mule (2018)

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Mit dem von wahren Begebenheiten inspirierten "The Mule" kehrt Clint Eastwood als Regisseur und Hauptdarsteller auf die große Leinwand zurück und kann sich nach dem misslungenen Tatsachendrama "15:17 to Paris" zumindest etwas rehabilitieren.

The Mule (2018)

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Der alte Mann und sein Job

Nach dem enttäuschend schwachen Tatsachendrama 15:17 to Paris, das sich mit dem vereitelten Anschlag auf einen Thalys-Zug im Jahr 2015 befasst, musste man Schlimmeres befürchten. Hollywood-Legende Clint Eastwood schien sein Gespür für mitreißendes Erzählen abhandengekommen zu sein. Mit The Mule beweist der Kinoaltmeister nun jedoch, dass auch auf der Zielgeraden seiner Karriere mit ihm zu rechnen ist – wobei der Darsteller Clint Eastwood dem Regisseur Clint Eastwood eindeutig den Rang abläuft. Obschon der neue Film mit einigen Holprigkeiten zu kämpfen hat, sorgt das lässige, mitunter erfreulich selbstironische Spiel der bald 89-jährigen Leinwandikone für kurzweilige Unterhaltung.

Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist der hochbetagte Lilienzüchter Earl Stone (Eastwood), der vor allem für seine Arbeit lebt. Seine Familie stand stets an zweiter Stelle, was ihm seine Ex-Frau Mary (Dianne Wiest) und seine Tochter Iris (Alison Eastwood, auch im wahren Leben die Tochter des Regisseurs) noch immer übelnehmen. Einzig seine Enkelin Ginny (Taissa Farmiga) hält schützend ihre Hand über ihren egoistischen und knorrigen Großvater. Als Earl eine Zwangsversteigerung bevorsteht und er alles zu verlieren droht, kommt das Schicksal in Gestalt eines jungen Mannes um die Ecke, der dem Kriegsveteranen ein verrücktes, aber verlockendes Angebot unterbreitet. Da Earl auf seinen vielen berufsbedingten Reisen nie einen Unfall gebaut oder einen Strafzettel erhalten hat und aufgrund seines Alters eher unverdächtig wirkt, soll er für ein mexikanisches Kartell Drogenpakete durch die Gegend fahren. Schnell schwingt sich der Senior zu einem zuverlässigen Kurier auf, dem der Syndikat-Boss Laton (Andy Garcia) einen Aufpasser (Ignacio Serricchio) an die Seite stellt, als die Rauschgiftmengen immer größer werden. Parallel nehmen der Drogenermittler Colin Bates (Bradley Cooper) und sein Kollege (Michael Peña) die Machenschaften des Kartells genauer ins Visier.

Auch wenn The Mule – ein umgangssprachlicher Begriff für einen Drogenboten – von der wahren Geschichte des greisen Leo Sharp und deren Schilderung in einem New York Times- Artikel inspiriert wurde, präsentiert sich der Film in erster Linie als melancholische Reflexion über die von Eastwood dargestellten Leinwandhelden. Schon der Titel, der ebenso die Bedeutung „Maultier“ in sich trägt, scheint auf Sergio Leones berühmten Italowestern Für eine Handvoll Dollar zu verweisen, der dem jungen Eastwood seinen internationalen Durchbruch bescherte und in dem der von ihm gespielte Poncho-Träger auf einem klapprigen Vierbeiner in ein verruchtes Wüstenkaff reitet.

Earls Gang mag etwas schwerfällig sein. Und seine Haltung gebückt. Spuren des lakonischen Western-Protagonisten sind in seinem Auftreten aber noch immer auszumachen. Ähnlich wie Leones wortkarger Fremder schwingt der Blumenzüchter keine großen Reden. Und auch er ist ein Reisender, der sich vor allem über seine Arbeit definiert. Während der namenlose Reiter in Für eine Handvoll Dollar zwei verfeindete Banden gegeneinander ausspielt, wird Eastwoods Haudegen dieses Mal für eine einzige Verbrecherclique aktiv und lässt dabei moralische Bedenken außen vor.

Im Geiste verwandt ist Earl Stone sicher auch mit dem verbitterten und fremdenfeindlichen Walt Kowalski, den Eastwood in Gran Torino zum Besten gab. Immer mal wieder blitzt in The Mule das Unverständnis der Hauptfigur für die moderne, digitalisierte, ethnisch, kulturell und sexuell vielfältige Welt auf. Mehrfach wird die Bedeutung von Traditionen hochgehalten. Und noch dazu zelebriert der Film zuweilen die politische Unkorrektheit seines Protagonisten. Spannend und unterhaltsam wird das Ganze dadurch, dass Earls Eigensinnigkeit kleine Brechungen erfährt. Der alte Mann ist zweifellos ein Sturkopf mit unreflektierten Ansichten, reagiert auf den Wandel der Zeit in einigen Momenten aber auch mit einer sympathischen Gelassenheit.

Ansteckend sind besonders der Spaß und der Elan, den der Leinwandstar in seiner ersten Hauptrolle nach dem Sportlerdrama Back in the Game von 2012 an den Tag legt. Obwohl die Thriller-Elemente der Handlung eher kleingehalten werden und das Tempo, passend zum Alter Earls, gemächlich ausfällt, kommt keine große Langeweile auf. Regelmäßig nutzen Eastwood und Drehbuchautor Nick Schenk, der schon das Skript zu Gran Torino verfasste, die absurde Ausgangslage – ein Greis als Handlanger der Drogenmafia – für erstaunlich witzige Begebenheiten. Wenngleich viele Pointen dank der trockenen Performance des Hauptdarstellers bestens funktionieren, erscheinen manche Scherze deplatziert. Wie billiger Klamauk mutet beispielsweise eine Partyszene an, in der sich Earl mit jungen, leicht bekleideten Frauen im Anwesen des Drogengangsters vergnügt.

Dass The Mule bei aller Freude über die charismatische Eastwood-Vorstellung einen unrunden Eindruck hinterlässt, liegt vor allem an der etwas zu mechanischen, durchschaubaren und melodramatischen Gestaltung des familiären Erzählstranges. Earls Läuterung zum Ende hin bricht doch sehr plötzlich über den Zuschauer herein. Und überdies entwickelt der alte Mann im Hinblick auf seine Kuriertätigkeit aus heiterem Himmel ein Unrechtsempfinden, das vorher nie auch nur in Ansätzen zu spüren ist. Um das Publikum emotional ernsthaft zu berühren, hätte es in beiden Punkten eine subtilere Vorgehensweise gebraucht.

The Mule (2018)

Ein 90-jähriger Gärtner und Veteran des Zweiten Weltkriegs wird dabei erwischt, wie er Kokain im Wert von drei Millionen US-Dollar im Auftrag eines mexikanischen Drogenkartells transportiert

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