The Man from London

The Man from London

Eine Filmkritik von Paul Collmar

In Schönheit entschlafen

Der aus Ungarn stammende, 1955 geborene Regisseur Béla Tarr ist bekannt für seine stilisierten Filme, die die Grenzen zwischen Abstraktion und Figürlichkeit erkunden und mit langen Einstellungen sowie extrem verlangsamten Erzählrhythmen arbeiten. Auch in seinem neuen Film The Man from London kann man diese Elemente seines bisherigen Wirkens ausführlich begutachten – wobei sie hier allerdings in den Kontext eines Film noir nach einem Roman von Altmeister Georges Simenon eingebettet sind. Das Ergebnis ist zwiespältig – The Man from London begeistert zwar durch seine ausgeklügelte und sehenswerte Kameraarbeit, die düstere Geschichte aber lässt jegliche Dramaturgie vermissen und stellt selbst geduldige Zuschauer auf eine harte Probe. Ein Film, mehr an der Fotografie als am Kino orientiert.
Maloin (Miroslav Krobot) heißt der Mann, der als Rangierer in einer Stadt am Meer von einem Turm aus die Waggons des angeschlossenen Bahnhofes dirigiert. Eines Nachts beobachtet der Mann mit dem zerfurchten Gesicht, wie zwei Männer miteinander kämpfen und einer der beiden mitsamt einem Koffer ins Hafenbecken fällt, während der andere in eine nahegelegenes Hotel flieht. Mittels einer Stange gelingt es Maloin, den Koffer, in dem sich eine erhebliche Summe Bargeld befindet, aus dem Wasser zu fischen. Von nun an ändert sich das Leben des schweigsamen Mannes, dessen Ehe (gespielt wird die dauerkeifende Gattin Maloins von der wunderbaren Tilda Swinton, nebeneinander gestellt ergeben sie und Miroslav Krobot ein nahezu absurdes Ehepaar) den Eindruck noch verstärkt, das Leben dieses Mannes sei ohne jegliche Freude. Neben dem Tatverdächtigen, dem Maloin immer wieder begegnet, taucht bald ein Detektiv aus England (dies ist eben jener Titel gebende „Mann aus London“) auf, der die mysteriösen Vorkommnisse näher untersuchen will. Und damit geraten die Dinge in Bewegung, gerät Maloin unter Verdacht...

Für sich betrachtet sind die bis zum Exzess stilisierten Schwarzweiß-Bilder von Kameramann Fred Kelemen wunderschön und erinnern an alte französische Filme aus den 1930ern und 1940ern, an den Film noir und an Experimente der fotografischen Avantgarde. In Verbindung mit Béla Tarrs unglaublich langsamer, ja zäher Regie aber werden sie zu purem L'art pour l'art, legen sich über die Geschichte und drängen diese vollkommen an den Rand, bis jegliches Interesse des Zuschauers an den Vorkommnisse auf der Leinwand erlischt. Schade um die exzellenten Bilder, schade um Darsteller wie Tilda Swinton und nicht zuletzt schade um die Vorlage Simenons, die hier lediglich als reichlich wackeliges Gerüst für eine Studie über finstere Stimmungen und Hell-Dunkel-Spielereien dient. Zwar haben die hochästhetischen Gebilde Tarrs durchaus ihren Reiz, über die gesamte Laufzeit von zweieinhalb Stunden aber übermüdet die somnambule Atmosphäre gewaltig.

Der in Berlin an der dffb lehrende Béla Tarr gilt manchen Filmkritikern als einer der eindrucksvollsten Regisseure Europas, dessen monumentalen Werken (sein Film Satanstango aus dem Jahr 1994 dauert mehr als sieben Stunden) bislang nie die richtige Aufmerksamkeit widerfuhr. Wie es scheint, lässt dieser Durchbruch auf breiter Front auch nach diesem Film noch ein wenig auf sich warten. Zumindest formal hat The Man form London etliche Bilder vorzuweisen, die man so schnell nicht wieder vergisst. Was leider auch für die gefühlte Dauer dieses Films gilt.

Formale Brillanz allein genügt eben doch nicht. Und prätentiöses Kunsthandwerk mit zentnerschwerer Betroffenheit ob der Tristesse der Hafenstadt und ihrer hemmungslos melancholisch-depressiven Einwohner ebenso wenig. Ein Film für die ganz schweren und grauen Herbsttage, deren Stillstand und zähes Dahinfließen der Zeit The Man from London spürbar werden lässt..

The Man from London

Der aus Ungarn stammende, 1955 geborene Regisseur Béla Tarr ist bekannt für seine stilisierten Filme, die die Grenzen zwischen Abstraktion und Figürlichkeit erkunden und mit langen Einstellungen sowie extrem verlangsamten Erzählrhythmen arbeiten.
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Meinungen
@mo · 12.11.2009

Ja, der läuft. Einfach mal auf "Wo läuft dieser Film?" oben klicken und Du siehst auf wo. Grüsse, Mike

mo · 12.11.2009

läuft des zurzeit?

Kommentare

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