The Lure

The Lure

Eine Filmkritik von Patrick Holzapfel

Flossensex und Liebe

Es dauert eine Weile, bis sich die Faszination mit den Meerjungfrau-Stripperinnen in The Lure von Agnieszka Smoczynska auflöst, aber dann verirrt man sich schnell in einem Wirrwarr aus mal mehr und mal weniger zusammenhängenden Ideen, die auf ein emotionales Ende zusteuern. Dabei beginnt der Film noch recht vielversprechend mit einem schaurigen, animierten Vorspann samt Hans-Christian-Andersen-Vibe und einer Höhle, aus der die verlockenden Meereswesen auftauchen und in der sich die Skelettköpfe stapeln.
Der Film lässt sich in der Folge keine Zeit für ein Gefühl beziehungsweise die angedeutete Sinnlichkeit dieses salzigen Vampirismus, sondern etabliert mit der Geschwindigkeit pubertärer Geilheit eine oberflächliche Fetisch-Faszination für zwei jungen Schwestern, die in einem 1980er-Club in Warschau zu Szenestars aufsteigen, weil sie sich während ihrer Tanz- und Songperformances zurück in Meerjungfrauen verwandeln. Ihre Namen sind Silber und Gold. Smoczynska strukturiert die Handlung rund um eine gefährliche Liebe zu einem Menschen anhand musikalischer Nummern, die manchmal im Stil eines Musicals dargeboten werden und manchmal schlicht als Nummern im Club. Die Gefahr, die in The Lure lauert: Wenn sich eine Meerjungfrau in einen Menschen verliebt und der eine andere Frau heiratet, muss sie ihn bis zum Morgen der Hochzeitsnacht essen, damit sie nicht zu Meerschaum wird.

Lange zehrt The Lure von diesen mythologischen Tragödien, doch selten gelingt es dem Film, diese an die emotionalen Abhängigkeiten zu binden wie in den ersten Annäherungsversuchen zwischen Meerjungfrau und Mensch. Dieser Zwischenzustand aus traumartiger Hypnose und abartigem Horror hätte einiges an Potenzial in sich getragen, zum einen auf sinnlicher Ebene, zum anderen auf politischer Ebene, schließlich geht es hier um junge Frauen, deren Körper benutzt werden, und um Außenseitertum. Es gibt ein beständiges Wechselverhältnis zwischen Opfer und Täter in den beiden Meerjungfrauen. Aber spätestens, wenn der junge Musiker, in den sich Silber verliebt, in einer Unterwasserekstase taucht oder sich eine Sängerin, während sie mit ihrem Kollegen schläft, vorstellt, dass sie selbst eine Meerjungfrau sei und Sex mit den beiden Mädchen hat, wird klar, dass es hier nur um den Effekt einzelner Bilder geht, nicht um ihr Zusammenspiel.

Und so klaffen immer wieder große Löcher im Film auf, der sich nicht entscheiden will zwischen billigem Spektakel und trauriger Flossenmelancholie. Man kann Smoczynska zugutehalten, dass sie die wild durcheinander geworfenen Ideen in ihrer Inszenierung gewissermaßen mitdenkt. So wechseln die Stimmung und das Tempo im Film beständig, außerdem haben nicht zuletzt die zum Teil mit der Lust am Seltsamen gefilmten Musicalsequenzen ihre Augenblicke. Allerdings hat man das Gefühl, dass dahinter keine größere Idee steckt, sondern lediglich der Wunsch, nicht zu langweilen. Zudem gibt es ein paar trashige Morde und Brutalitäten, damit auch ja niemand glaubt, dass man es hier nicht mit einem B-Movie zu tun hat.

The Lure ist ein Film, der zusammengestellt ist wie ein erstes Brainstorming: coole Ideen und was man schon immer mal mit Meerjungfrauen sehen wollte. Mehr nicht. Es gibt ein 1980er-Jahre-Setting, in dem es ein Aufeinanderprallen zwischen kommunistischen Idealen und westlichem Begehren in der polnischen Kultur gegeben hat, aber dieses Setting verbindet sich nie mit den Figuren. Es bleiben die mit Champagner und Lichteffekten gefüllten Clubszenen, die Jahrhunderte entfernt sind von der Dekadenz in Tony Scotts The Hunger oder Jim Jarmuschs Only Lovers Left Alive. Es bleibt der fischige Geruch von Liebe und Flossensex, der nie ganz in die Nasenporen vordringt.

The Lure

Es dauert eine Weile, bis sich die Faszination mit den Meerjungfrau-Stripperinnen in "The Lure" von Agnieszka Smoczynska auflöst, aber dann verirrt man sich schnell in einem Wirrwarr aus mal mehr und mal weniger zusammenhängenden Ideen, die auf ein emotionales Ende zusteuern. Dabei beginnt der Film noch recht vielversprechend mit einem schaurigen, animierten Vorspann samt Hans-Christian-Andersen-Vibe und einer Höhle, aus der die verlockenden Meereswesen auftauchen und in der sich die Skelettköpfe stapeln.
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