The Kindness of Strangers - Kleine Wunder unter Fremden (2019)

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Eine Gruppe Fremder in New York sucht nach Hilfe, Hoffnung und Geborgenheit – Lone Scherfig hat für „The Kindness of Strangers“ das erste Mal seit „Italienisch für Anfänger“ nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben.

The Kindness of Strangers - Kleine Wunder unter Fremden (2019)

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Der Wert der Freundlichkeit

Es ist ein nahezu idyllisches Bild: Clara (Zoe Kazan) liegt mit ihrem Mann im Ehebett, das Licht fällt leicht durch das Fenster. Er hat den Arm um sie gelegt, man sieht den Ehering. Doch schon bei dem ersten Blick in ihr Gesicht ahnt man, dass etwas an dieser friedlichen Idylle nicht stimmt. Leise steht Clara auf, weckt ihre Söhne Anthony (Jack Fulton) und Jude (Finlay Wojtak-Hissong) mit den Worten, dass es los gehe. Sie schleichen sich aus dem Haus, man hört ein Auto davonfahren – und sie landen in New York. Um Urlaub zu machen, sagt Clara. Aber etwas an ihrem Gesicht sagt, dass sie nicht vorhat, zurückzukehren und allen Mut zusammen genommen hat für diesen Schritt.

In New York ist auch Mark (Tahar Rahim). Mit seinem Anwalt John Peter (Jay Baruchel) sitzt er in einem russischen Restaurant, das dem exzentrischen Timofey (Bill Nighy) gehört – und als er die Rechnung bezahlen will, lernt er dessen Geldgeber kennen. Im Gegensatz zu Timofey versteht Mark etwas von dem Geschäft und bekommt den Job, das Restaurant fortan zu führen. Außerdem begleitet er John Peter zu dessen „Vergebungsgruppe“, die von der Krankenschwester Alice (Andrea Riseborough) geleitet wird. Und dann gibt es noch Jeff (Caleb Landry Jones), der einen Job nach dem anderen verliert – und schließlich in einer Suppenküche landet, in der Alice ebenfalls hilft.

Sie sind die Fremden, die in The Kindness of Strangers von Lone Scherfig im Titel stecken – alle lose miteinander verbunden, leben sie in New York und sind im Grunde genommen nette Menschen. Nach und nach begegnen sie einander. Und es sind dann auch diese Fremden, von denen nicht nur Clara Hilfe bekommt, nachdem ihr Schwiegervater (David Dencik) sie abgewiesen hat und sie schließlich nach einiger Zeit auf der Straße gelandet ist.

Es sind viele kleine Episoden, die Lone Scherfig hier erzählt – vor allem aber geht es um Clara und ihre Söhne. Es wird schnell klar, dass der Ehemann und Vater gewalttätig ist, jedoch konzentriert sich der Film hier auf die Folgen dieser Gewalt und auf deren Auswirkung. Ein Vorfall wird erzählt, einmal erwähnt Clara, dass auch sie misshandelt wurde – aber als Anthony einmal eine genauere Schilderung gibt, ist sie nicht zu hören. Damit wird nicht dem Täter und der Tat Vorrang eingeräumt, sondern den Folgen für Clara und ihre Kinder. Ihre Furcht vor dem Vater ist stets zu greifen. Als er sie in einer Szene plötzlich aufspürt, verändert sich spürbar die Stimmung. Die Beklemmung, die Angst von Clara und ihren Söhnen überträgt sich körperlich in den Kinosaal, sofern man auch nur einen Funken Empathie in sich trägt.

Es ist dieser Handlungsstrang, der in The Kindness of Strangers am meisten überzeugt – großartig getragen von Zoe Kazan. Es ist auch ihm zu verdanken, dass man manche der Gags allein schon als willkommene kurze Erleichterung begrüßt, andere Pointen sind indes sehr scharf und gekonnt gesetzt. Dazu kommt eine überzeugende Kameraarbeit, die die bisweilen allzu penetrante Musik weitgehend vergessen lässt. Dabei findet Sebastian Blenkov Bilder von New York, die gleichermaßen die Intimität und die Größe dieser Stadt fassen, aber auch erkennen lassen, dass es hier nur die Hilfe vom Fremden gibt, wenn man im Elend angekommen ist.

Leider wird zum Ende hin die grundlegende Botschaft, dass man doch einfach freundlicher zueinander sein sollte, allzu penetrant wiederholt und einmal sogar ausgesprochen. Das ist schade, gerade bei einem Film, der so wundervolle Bilder für die Einsamkeit findet – insbesondere von Alice, die von Andrea Riseborough mit so viel Stärke und Kühle gespielt wird. Hier hätte sich Lone Scherfig, die ja auch das Drehbuch geschrieben hat, noch mehr auf die Stärke ihrer Inszenierung verlassen können. Aber nichtsdestotrotz ist The Kindness of Strangers ein Film, der auf die kommenden Filme der Berlinale hoffen lässt.

The Kindness of Strangers - Kleine Wunder unter Fremden (2019)

Lone Scherfigs neuer Film erzählt von vier Menschen in New York, die allesamt die schwerste Krise ihres Lebens durchleiden und die nichts weiter versuchen, den eisigen Winter in der Stadt zu überleben. Der Film wird die Berlinale 2019 eröffnen.

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