The Filth and the Fury

The Filth and the Fury

Eine schmutzige, wütende Rebellion

Keine drei Jahre waren es, während welcher die berühmt-berüchtigte Band The Sex Pistols ab Mitte der 1970er Jahre in Großbritannien für musikalisch-provokanten Aufruhr und hitzig geführte gesellschaftspolitische Zwistigkeiten sorgte. Und doch hat diese Erschütterung der gängigen Ästhetik und „guten Sitten“ zu einer kulturellen Revolution nicht nur innerhalb der Musikbranche geführt, deren Einflüsse die nachfolgenden Generationen dauerhaft geprägt hat. Die Dokumentation The Filth and the Fury aus dem Jahre 2000 des einschlägig bekannten Insiders Julien Temple, der die Sex Pistols während ihres rasanten Aufstiegs bereits kannte und ihre Entwicklung aufmerksam verfolgte, stellt ein ebenso sorgfältig montiertes wie spannendes historisches Dokument dar, das die Sex Pistols innerhalb ihrer zeitgeschichtlichen und kulturellen Dimension porträtiert.
Großbritannien in den Jahren 1975/76: Angesichts hoher Arbeitslosigkeit, weitläufiger Armut und einem wütenden Aufbäumen der Arbeiterklasse beherrschen soziale Unruhen das Land. Diese Situation des Aufruhrs und angekündigten Wertewandels, die den Auftakt der Dokumentation bildet, verortet Regisseur Julien Temple als „Keimzelle“ der Sex Pistols, die in jenen Zeiten mit exaltierten Auftritten und ihrem betont rotzigen Stil zunächst auf Partys für Furore sorgen. John „Johnny Rotten“ Lydon, Steve Jones, Paul Cook und Glen Matlock, deren Gestalten während der filmischen Interviews nur schattenhaft angedeutet im Gegenlicht erscheinen, erinnern sich rückblickend an diese turbulenten Zeiten und erzählen mit dem Abstand von über zwanzig Jahren vom Aufstieg und Absturz ihrer legendären Band.

Neben teilweise erstmalig veröffentlichem Archiv-Material und den Interviews mit den Musikern, bei denen 1977 an Stelle des Bassisten Glen Matlock der markante Szene-Freak Sid Vicious einsteigt, der als Erfinder des ungezähmten Pogo-Tanzstils gilt, ergänzt Julien Temple seine collageartig angeordnete Dokumentation mit flapsigen Comic-Strips und der Darstellung der damaligen Mainstream-Kultur, der er die anarchistischen Umtriebe der Sex Pistols kontrastiv gegenüberstellt. Dabei zählen die Ausschnitte von Konzerten der Band in Großbritannien und später auch in den USA zu den faszinierendsten Momenten von The Filth and the Fury, dem es auf äußerst ansprechende Weise gelingt, die Hintergründe dieses soziokulturellen Phänomens zu beleuchten.

Immer wieder ist es die nicht selten dubios anmutende Rolle des einstigen Band-Managers Malcolm McLaren, die innerhalb der Dokumentation thematisiert wird. In The Great Rock’n’Roll Swindle von 1980, der sich ebenfalls mit den Sex Pistols beschäftigt, fokussiert Julien Temple die Geschichte der Band aus der Perspektive dieses schillernden Künstlers, der für sich beanspruchte, der Erfinder und Drahtzieher der skandalösen Band gewesen zu sein, deren negatives Image und Zwistigkeiten er bewusst gefördert habe, um auf diese Weise mit übler öffentlicher Aufmerksamkeit gutes Geld zu verdienen. Dass dieses nur allzu oft in seine eigene Kasse wanderte, klingt in den Interviews mit den Pistols in The Filth and the Fury nicht ohne Vorwurf an, so dass diese spätere Dokumentation von Julien Temple durchaus als eine Form der reflektierten Revision früherer Sichtweisen gelten kann.

Auch wenn die Sex Pistols selbst sich musikalisch von der Kategorisierung als Punk-Band distanziert haben, besteht zwischen dem Phänomen dieser Subkultur und dem Auftreten der schockierenden Musiker nicht nur ein zeitgeschichtlicher Zusammenhang. Neben dem charakteristischen Mode-Stil, den anarchistischen Inhalten und der schnodderigen Haltung einer ausgeprägten Anti-Ästhetik waren es schlichtweg vor allem Johnny Rotten und Sid Vicious, die als „Helden“ der Punk-Szene gefeiert wurden und diese bedeutsam beeinflussten, wobei sich diese „Verehrung“ bei Konzerten nicht selten eher stilecht in obszönen Gesten der Fans äußerte, wie entsprechende Mitschnitte dokumentieren.

Mit einer gehörigen Portion Ironie, witzigen Einfällen und einer anspruchsvollen, effektreichen Montage hat Julien Temple The Filth and the Fury inszeniert, dem es ganz ausgezeichnet gelingt, Stimmungen und Haltungen jener Zeit einzufangen, zu der die skandalträchtigen, legendären Sex Pistols ihr Unwesen trieben. Ausschnitte aus Comedy-Shows, Nachrichtensendungen und der Shakespeare-Verfilmung Richard III von Laurence Olivier aus dem Jahre 1955, die besonders Johnny Rotten als Inspirationsquelle benennt, flankieren die ebenso kurze wie extreme Geschichte der britischen Band, mit der eine Ära der schmutzigen und wütenden Rebellion gegen Konventionen und Konsum begann.

(Marie Anderson, die diesen Artikel den reizenden Punks Shorty und Kröte widmet.)

The Filth and the Fury

Keine drei Jahre waren es, während welcher die berühmt-berüchtigte Band The Sex Pistols ab Mitte der 1970er Jahre in Großbritannien für musikalisch-provokanten Aufruhr und hitzig geführte gesellschaftspolitische Zwistigkeiten sorgte.
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