The Fifth Season

The Fifth Season

Eine Filmkritik von Martin Gobbin

Schädlingsbekämpfung – Die Natur schlägt zurück

Ausnahmezustand. In der fünften Jahreszeit, dem Karneval, herrscht der Ausnahmezustand. Konventionen und Verbote treten außer Kraft. Männer kleiden sich wie Frauen, Frauen schneiden den Männern die Krawatten ab, fremde Männer landen mit fremden Frauen im Bett. Vor der Askese, der „Fleisch-Wegnahme“ (carne-val), wird in einem Exzess den fleischlichen Lüsten noch einmal richtig gefrönt. Unter dem Schutz der Masken lassen die Menschen ihre Masken fallen.
Auch in The Fifth Season herrscht der Ausnahmezustand – und die Menschen tragen Masken. Doch die titelgebende fünfte Jahreszeit ist hier kein bunt-vergnügtes Brauchtum, sondern die Apokalypse. Die Kühe geben keine Milch mehr, auf den Feldern wächst nichts und in den Flüssen treiben tote Fische. Die Menschen beginnen, ihre Nahrungsvorräte zu rationieren und Insekten zu essen. Alice (Aurélia Poirier), die eben noch erste zarte Küsse mit Thomas (Django Schrevens) ausgetauscht hatte, bietet den Männern des Dorfes ihren Körper gegen etwas Zucker oder Salz an. Auf den Winter folgt kein Frühling, kein Sommer und kein Herbst. Es gibt nur noch eine Jahreszeit: Die des Todes.

Die Regisseure Jessica Woodworth und Peter Brosens lassen nie einen konkreten Grund für den Kollaps des Ökosystems erkennen – doch natürlich zielt dieser wunderbar ruhige, kunstvolle Horrorfilm auf die Ängste vor den Folgen unserer Umweltzerstörung. Nach dem Zusammenbruch der Natur folgt der Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung. Die Menschen suchen sich Sündenböcke, üben Selbstjustiz und greifen inmitten des aufgeklärten 21. Jahrhunderts auf archaische Opferungsrituale zurück, um Mutter Natur zu besänftigen.

Neu ist das nicht unbedingt – das Szenario ähnelt dem Schweizer Drama Wenn die Sonne nicht wiederkäme und auch Robin Hardys Kultfilm The Wicker Man. Dass die Endzeitvision von Woodworth und Brosens dennoch tief beeindruckt, verdankt sie ihrer Mischung aus originellen Bildideen, einem verstörenden Soundtrack mit sakralen Elementen und der dichten Atmosphäre, die daraus entsteht.

Kameramann Hans Bruch Jr., der sich mit den visuell außergewöhnlichen Filmen Little Baby Jesus of Flandr und Blue Bird einen Namen gemacht hat, zeigt die Landschaft in tristen, entsättigten Braun- und Grau-Tönen. Gelegentlich fliegt ein Rabe durch’s Bild und nimmt das kommende Unheil symbolisch vorweg. Das weiße Blut der Natur läuft an Felsbrocken herunter. Und ein einsamer Baum – eine der häufigsten Apokalypse-Metaphern der Filmgeschichte – steht kahl und halb umgestürzt auf einem Feld.

Auch den Verursacher und Leidtragenden der Katastrophe, den Menschen, weiß The Fifth Season immer wieder brillant ins Bild zu setzen. Wir blicken in das leere, starre Gesicht einer hilflosen Mutter. Später wird sie ihre Tochter über einem Wasserbottich mit der Bürste schrubben – das Mädchen lässt die demütigenden Verrenkungen, die die Grobheit der Mutter mit sich bringt, resigniert über sich ergehen. Ein andermal sehen wir das Mädchen auf einer Schaukel sitzen, doch die Kindheit, die Zeit des sorglosen Spielens ist vorbei. Dunkelrotes Blut rinnt aus ihrer Nase, dann kippt sie von der Schaukel und aus dem Bild.

Wie in Reha Erdems metaphysischer Parabel Kosmos sehen wir, wie ein Paar durch Vogellaute miteinander kommuniziert, sich also vom Mensch-Sein abwendet. Überhaupt spielen Tiere und speziell Vögel in The Fifth Season eine große Rolle – so beginnt der Film mit einem Bild, in dem die Kommunikation zwischen Mensch und Tier scheitert und ein Hahn buchstäblich auf die Verständigung scheißt.

Und auch das letzte Bild des Films zeigt Vögel. In einer betont rätselhaften, zunächst willkürlich erscheinenden Szene laufen Straußen durch einen Garten. Menschen sind nicht mehr zu sehen. Hierin darf man wohl einen Lösungsvorschlag erkennen: Für die Natur wäre es vermutlich am besten, die Plage namens Menschheit einfach auszurotten. Über den Ausnahmezustand zurück zum Naturzustand.

The Fifth Season

Ausnahmezustand. In der fünften Jahreszeit, dem Karneval, herrscht der Ausnahmezustand. Konventionen und Verbote treten außer Kraft. Männer kleiden sich wie Frauen, Frauen schneiden den Männern die Krawatten ab, fremde Männer landen mit fremden Frauen im Bett. Vor der Askese, der „Fleisch-Wegnahme“ (carne-val), wird in einem Exzess den fleischlichen Lüsten noch einmal richtig gefrönt. Unter dem Schutz der Masken lassen die Menschen ihre Masken fallen.
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