Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Kleiderschrank feststeckte (2018)

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Der Europatrip eines mittellosen Straßenkünstlers und Taschendiebs aus Mumbai führt ungeplant weit über die Stadt der Liebe hinaus. Denn der arme Mann gerät aus Versehen nach London und wird als vermeintlicher Flüchtling nach Spanien abgeschoben. Doch er hilft dem Schicksal gewitzt auf die Sprünge.

Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Kleiderschrank feststeckte (2018)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Ein Roadtrip durch die reiche Festung Europa

Die Welt, in der diese flotte, possenhafte Komödie spielt, ist voller Grenzen. Sie verlaufen zwischen Arm und Reich, zwischen Nord und Süd. Im indischen Mumbai hofft der Straßenmagier und Taschendieb Aja (Dhanush), mit seiner Mutter einmal nach Paris fliegen zu können. Doch bevor er das Geld zusammen hat, stirbt die Mutter. Mit ihrer Urne, einem gefälschten Pass und einer ebensolchen 100-Euro-Banknote für die Ausgaben auf der Reise steigt Aja schließlich doch in den Flieger. Er wird in Europa den Lebensstandard und die Reisefreiheit der Einheimischen bestaunen und zugleich Opfer einer Abschiebung von Migranten werden. Doch weil Aja ein schelmischer Trickser ist und seine Reise außerdem von den unwahrscheinlichsten Zufällen bestimmt wird, kommt hier und da Bewegung in den sozialen Grenzverlauf.

Der Titel des vom Kanadier Ken Scott (Starbuck) inszenierten Roadmovies erinnert in seiner Skurrilität und Länge an den schwedischen Film Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand. Die beiden Komödien haben tatsächlich einen ähnlichen Stil. Mit ihrer jeweiligen Hauptfigur, die Züge eines unschuldigen Narren trägt, durchkreuzen sie den gewohnten Gang der Dinge und drehen der schnöden Realität eine lange Nase. Aber sonst verbindet die beiden Komödien nichts, sie basieren auf Romanvorlagen zweier verschiedener Schriftsteller. 

Ajas Europavisite wurde von Romain Puértolas in seinem 2013 erschienenen Roman Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Ikea-Schrank feststeckte geschildert. Der Schriftsteller schrieb gemeinsam mit Luc Bossi auch das Drehbuch zur Verfilmung. Er fügte der Adaption einige Änderungen bei, vor allem in den Nebenhandlungen. So gibt es im Film auch eine Rahmenhandlung, in der Aja drei Jungen, die in Indien zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurden, seine Geschichte erzählt. Er will ihnen demonstrieren, dass sie mit ihrer Fantasie, ihrer Neugier und vor allem mit Bildung eine größere Teilhabe an der Welt erlangen können, als sie aufgrund ihrer benachteiligten Herkunft für möglich halten.

Aja ist mit einem geklauten Ikea-Katalog aufgewachsen, er kennt alle Kollektionen auswendig. In Paris besucht er endlich das Möbelgeschäft – und begegnet der jungen Amerikanerin Marie (Erin Moriarty), die er fantasievoll umwirbt. Die beiden vereinbaren ein Treffen vor dem Eiffelturm, doch bevor es dazu kommt, wird Aja in England landen. Er verbringt nämlich die Nacht bei Ikea in einem Schrank und dieser wird mit einem Lastwagen nach London transportiert. Aja erwacht unterwegs, öffnet die Schranktür und sieht sich in Gesellschaft afrikanischer Flüchtlinge, die bereits eine Odyssee hinter sich haben. Aja landet mit anderen Immigranten auf der Polizeiwache – und wird kurzerhand mit ihnen in einen Flieger nach Barcelona gesetzt. Da kann er noch so viel beteuern, er habe niemals nach England gewollt, er werde in Paris erwartet.

Es ist kaum zu glauben, aber dem Film gelingt ein gewagter stilistischer Drahtseilakt. Ein Londoner Polizeibeamter macht aus der zynischen Begründung, warum er Aja nach Spanien abschiebt, ohne seine Aussage aufzunehmen, eine Gesangs- und Tanznummer. Auf naiv-freimütige Art wie in einem Musical wird dem Machtbewusstsein des Mannes, der weiß, dass er am längeren Hebel sitzt, Ausdruck verliehen. Spanien will die Migranten auch nicht, aber Aja schafft es in einem Kleiderkoffer vom Flughafen in Barcelona nach Rom in die Hotelsuite der berühmten Schauspielerin Nelly Marnay (Bérénice Bejo). Die beiden freunden sich an, sie verhilft ihm auf ganz legale Weise zu einem Koffer voller Geld. Wohl auch weil der Tamile Dhanush ein Star des Bollywoodkinos ist, gibt seine Figur Aja in einer römischen Disko eine spontane Bollywood-Tanzeinlage.

Die Reise geht dann noch weiter bis nach Libyen, und für ein Wiedersehen mit Marie könnte es, wie eine parallele Nebenhandlung verrät, zu spät sein. Denn wie sagte Aja seinen drei jungen Zuhörern in Mumbai so schön? „Aufgrund eines einzigartigen geomagnetischen Felds ist die Liebe in Paris zehnmal stärker als woanders.“ Unterhaltsame Länder- und Städteklischees fehlen ebenso wenig wie kleine surreale Elemente, die den märchenhaften Charakter des einfallsreich gestalteten Films betonen. Die hübsche Komödie verbreitet gute Laune und erinnert zugleich daran, dass die Bewohner des privilegierten Westens das Streben nach Glück nicht für sich allein gepachtet haben.

Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Kleiderschrank feststeckte (2018)

"The Extraordinary Journey of the Fakir" erzählt von Ajatashatru Oghash Rathod, einem Fakir, der den Bewohnern seines Heimatdorfes in Rajasthan, Indien weis macht, dass er besondere Fähigkeiten besitzt. Außerdem bringt er sie dazu ihm eine Reise nach Paris zu finanzieren. Dort will er nämlich endlich ein Nagelbett bei Ikea kaufen, denn was ist ein Fakir schon ohne sein Nagelbett. 

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