The Driver (Mini-Serie)

The Driver (Mini-Serie)

Eine Filmkritik von Thorsten Hanisch

Falsch abgebogen

Dass die Briten Fernsehen auf überdurchschnittlich hohem Niveau produzieren können, ist nicht erst seit Downton Abbey oder Sherlock bekannt. Allerdings sollte man auch nicht den Fehler begehen, von diesen Major-League-Titeln auf den kompletten Rest zu schließen. Mittelmaß gibt es auch auf der Insel — und ein Beweis dafür ist die Mini-Serie The Driver.
Inhaltlich dreht sich alles um Vince McKee (David Morrisey), einen Taxifahrer aus Manchester, dessen Leben die reinste Hölle ist: Die Klienten nötigen ihn dazu, Urinbeutel auszuleeren, kotzen ihm auf den Rücksitz oder beklauen ihn. Aber auch das Privatleben gibt keinen Halt: Die Ehefrau nimmt ihn nicht ernst, ist ihm vollkommen fremd geworden und gibt ihm außerdem die Schuld daran, dass der Sohn in die Arme einer dubiosen Sekte geflohen ist. Überdies pubertiert die Tochter gerade schwer und hängt mit einem arroganten Rotzlöffel rum. Zu allem Überfluss plagen ihn auch noch Geldsorgen — und ihm ist noch nicht einmal eine Depression vergönnt: Wie ihm beim Arztbesuch mitgeteilt wird, fehlt dafür ein Punkt auf dem betreffenden Index, somit gibt’s auch keine Medikamente.

Als sein alter Freund Colin (Ian Hart), ein Kleinkrimineller, aus dem Knast entlassen wird, ändert sich sein Leben: Er gerät durch Colin an den Gangsterboss ‚The Horse‘ (Colm Meaney) und soll für diesen den gleichen Job erledigen wie tagsüber für eine schmierige Taxi-Bude. Eine Abweichung gibt es aber: „Sometimes you might have to drive a bit faster.“

Vince schlägt die Jobofferte erst aus, da er sich nicht unbedingt in die Unterweltweltgesellschaft begeben will, als er aber von zwei aus Mitleid mitgenommenen, jungen Mädels ausgeraubt und mit vollgepisstem Wagen zurückgelassen wird, ist das Maß voll. Er heuert bei ‚The Horse‘ an. Der Beginn einer Abwärtsspirale.

Anfänglich fällt es schwer, von The Driver nicht begeistert zu sein: Die Inszenierung schafft es zwar nicht ganz, den TV-Mief hinter sich zu lassen, erfreut aber dennoch sporadisch durch gute Bildeinfälle und interessante Kamerawinkel. Die letzte Überzeugungsarbeit leisten die fantastischen Darsteller: David Morissey als unglücklicher Antiheld, der eine Chance wittert, seinem quälenden Leben zu entkommen, überzeugt mit großer emotionaler Bandbreite und formt so einen griffigen Protagonisten zum Mitfiebern: Dass der groß gewachsene Kerl sich wider besseres Wissen auf das böse Spiel einlässt, wirkt glaubwürdig. Morrisey trägt die tiefe Sehnsucht nach einem besseren Leben in jeder Sekunde im Blick. Ebenso fleischig gestaltet Ian Hart seinen Kleingangster Colin: Ein kleiner Möchtegern mit dem ewigen Verlangen nach Anerkennung, der aber trotz Gangster-Attitüde immer auch ein wenig wie ein kleiner Junge rüberkommt: So versteht er nur mühsam, dass seine Frau während seiner zehnjährigen Haftstrafe nicht einfach auf ihn gewartet hat und flieht nach der von ‚The Horse‘ und dessen Gang empfangener Prügel nach Hause zu seiner Mama, wo er dann schmollend unter der Bettdecke liegt und Fernsehen schaut. Hervorragend auch Colm Meany als Gangsterboss, der nicht nur wegen seines Aussehens, sondern auch dank seinem Changieren zwischen Charme und raubtierhafter Gefährlichkeit ein Bruder von Bernie Rose aus Nicolas Winding Refns wunderbarem Drive sein könnte.

Warum trotzdem eher Halbmast? Das liegt in erster Linie am ungeschickten Drehbuch, das sich trotz 180 Minuten Spielzeit etwas zu viel auflädt. Die gezeigte Wechselwirkung zwischen Privat- und Gangsterleben beziehungsweise die langsam kippende Balance dieser beiden Welten funktioniert sehr gut, aber nebenher will The Driver auch Sektendrama sein und so tuckert der unterentwickelte Erzählstrang um den verlorenen Sohn bis zum Ende unverbunden nebenher und wird dann mit einem reichlich unglaubwürdigen Schubser in die Haupthandlung überführt (Achtung! Spoiler! Sohnemann kommt aus heiterem Himmel wieder — während Daddy gerade den Fluchtwagenfahrer bei einem groß angelegten Raubüberfall spielt, was den Erzeuger aber nicht am Losbrausen hindert!), weshalb The Driver am Schluss dann leider auch einen klassischen Auffahrunfall hat. Schade.

Der amerikanische Pay-TV-Sender Showtime hat momentan ein Remake in der Mache (ebenfalls mit Morrisey und auch dem Kreativteam des Originals). Bei aller sonstigen Remake-Maximalverachtung muss man zugeben, dass das dieses Mal keine schlechte Idee ist: Falls die Gelegenheit genutzt und das Script noch etwas modifiziert wird, rast The Driver schlussendlich tatsächlich noch über die Siegerlinie!

The Driver (Mini-Serie)

Dass die Briten Fernsehen auf überdurchschnittlich hohem Niveau produzieren können, ist nicht erst seit „Downton Abbey“ oder „Sherlock“ bekannt. Allerdings sollte man auch nicht den Fehler begehen, von diesen Major-League-Titeln auf den kompletten Rest zu schließen. Mittelmaß gibt es auch auf der Insel — und ein Beweis dafür ist die Mini-Serie „The Driver“.
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