The Cave (2019)

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Die Erschütterung der Bombenabwürfe bestimmen den Rhythmus des neuen Films des Oscar-nominierten Regisseurs Feras Fayyad. Der Dokumentarfilm „The Cave“ wirft eine Menge dringlicher Fragen auf: Wie lässt sich Krieg im Film darstellen und wo sind die Grenzen der Zumutbarkeit?

The Cave (2019)

Eine Filmkritik von Sophie Holzberger

Betroffenheitsbilder: Über den Krieg in Syrien

„The Cave“ beginnt mit einer friedlich aussehenden Einstellung über den Dächern des östlichen Ghuta, einem der Vororte von Damaskus. Man hört Vogelgezwitscher, am Horizont der Stadt ziehen Wolken auf. Dann schlägt die erste Bombe ein und nach ihr im Sekundentakt zahlreiche weitere. Von diesem Moment an lässt einem der neue Dokumentarfilm des Oscar-nominierten Regisseurs Feras Fayyad keine Ruhe mehr. Das Cinépolis in Chelsea, in dem das DOC NYC den Film zeigt, spielt ihn in einer Lautstärke ab, die kein Entkommen aus der Soundscape lässt; mein Sitz und der Boden vibrieren, so laut sind der Lärm und die Erschütterungsgeräusche der Flugzeuge und Bombenabwürfe. Krieg zeigt sich hier als ein unaufhörlich, bedrohlicher Klangteppich tiefer Bass-Vibrationen.

Gedreht zwischen 2017 und 2018 folgt der Film dem Leben von Dr. Amani Ballour, Kinderärztin und Leiterin eines unterirdischen Krankenhauses, genannt „Die Höhle“, inmitten eines der gefährlichsten Gebiete des Krieges in Syrien. Der Alltag des Krieges ist hier konstanter Ausnahmezustand. Es mangelt an allem: an Medikamenten, Lebensmitteln, Platz, ständig werden neue Verletzte eingeliefert. Das Vorgehen der syrischen Regierung und des russischen Militärs in dieser Gegend zwischen 2013 und 2018, bekannt als die Belagerung von Ost-Ghuta, werden seit mehreren Jahren als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Neben der Verweigerung von Lebensmittellieferungen und der Evakuierung von Zivilist:innen, ist vor allem der Einsatz von Chemiewaffen wie Chlorgas einer der Hauptanklagepunkte — eine der letzten Szenen des Films zeigt die Opfer einer solchen Chlorgasattacke.

Nachdem die Kamera gleich zu Beginn in einem animierten traveling shot von der Kulisse der Stadt hinabgleitet in „die Höhle“ um dann auf dem Bild einer angezündeten Kerze zu verharren, über das Amani Ballours Stimme Auszüge aus ihrem Tagebuch liest, sieht man kaum noch etwas von den Ereignissen in der Stadt. Das Krankenhaus wird zu einer Art Mikrokosmos des Geschehens oberhalb der Erdoberfläche. Das einzige, was die Bewohner:innen des Krankenhauses konstant mit der Außenwelt verbindet sind ihre Smartphones, Fernsehnachrichten und das schier unaushaltbare Dröhnen der Flugzeuge.

Der ständige Strom an verwundeten Körpern zeugt von den Gräueltaten, die oben in der Stadt verübt wurden.  Neben seiner dystopischen Architektur ist wohl eine der Besonderheiten dieses Raumes die weibliche Präsenz: mehrfach thematisiert der Film explizit, sei es in Konfrontationen mit Patient:innen oder Interviewsequenzen mit Amani Ballour, wie schwierig es ist, als Frau in Syrien in einem solchen Beruf zu arbeiten. Unter der Erde wird es möglich für Frauen einem Beruf nachzugehen, der ihnen an der Erdoberfläche verwehrt bleibt.

Der Rhythmus des Films ist rastlos, The Cave lässt einen kaum zu Atem kommen. Auch die kurzen Momenten des Innehaltens, die einem gewährt werden, wie in der Geburtstagsfeier von Amani Ballour oder alltäglichen Begegnungen in der provisorisch eingerichteten Küche, werden überschattet von dem dröhnenden Sounddesign. Es stellt fließende Übergänge her zwischen bedrohlichem Horrorfilm-Sound, dem Lärm des Krankenhausalltages und der klassischen Musik, die im Operationssaal abgespielt wird. Salim Namour, behandelnder Arzt im Krankenhaus und ein weiterer Protagonist des Films, beruhigt in einer der berührendsten Szenen des Films einen seiner Patienten mit dem Satz: “Wir haben keine Betäubungsmittel hier, aber dafür haben wir Musik.” Dann schaltet er eine YouTube-Aufnahme von Tschaikowskis Schwanensee ein. Es sind diese kleinen Momente, die einem Einblick in das Ausmaß der Belagerung von Ghuta, aber auch des menschlichen Zusammenhalts in dieser notgedrungenen Gemeinschaft gewähren.

An vielen Stellen bewegt sich genau diese Darstellung von Humanität inmitten der größten Krise jedoch am Rande zur Ästhetisierung des Krieges. Die düstere Dramatik des mozartschen Requiems in d-Moll vermischt sich nahtlos mit den Kriegsgeräuschen. Es bleibt unklar wohin diese Vermischung führt—verwandelt sie nicht die unaushaltbare Stille zwischen den Bombenangriffen für uns Zuschauer:innen in eine ästhetische Erfahrung? Im Q&A reagiert der Regisseur auf eine Frage zum Wahrheitsgehalt der Frequenz und Bedrohlichkeit des Sounddesigns mit der einfachen Erklärung: “Of course, this is documentary, this is reality.“

Dabei ist natürlich klar, dass jeder Dokumentarfilm Entscheidungen darüber trifft, welche Bilder er wie zeigt. Auch die Wahl einer Kinderärztin als Protagonistin fällt in diesen Entscheidungskatalog und sie führt notwendigerweise zu einer Menge grauenvoller Bilder von zum Teil schwerverletzten Kindern und Kleinkindern, Bilder die an manchen Stellen kaum zu ertragen sind. Der Film hat sich die Unerbittlichkeit des Hinschauens auf die Fahne geschrieben, seine Bilder sind weniger interessiert an einer informativen als an einer emotionalen Berichterstattung. Sie setzen das Publikum den Schrecken des Krieges aus und es scheint ein wichtiges Anliegen, Zeugnis davon abzulegen, zum einen um eine Öffentlichkeit für diese Grausamkeiten zu generieren, aber auch um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Es wird im Q&A deutlich, dass der Film seine mediale Öffentlichkeit nutzt um auf aktivistische Plattformen aufmerksam zu machen und online Material zur Diskussion des Syrien-Krieges zur Verfügung stellt.

Doch ist diese Idee des Krieges als Affektmaschine der Angst und des Schocks, diese klare Rhetorik der Betroffenheit heute eine angemessene Darstellung? Führen solche Bilder in einer Welt, wie der unseren, in der Bilder von Leid im Fernsehen und anderen medialen Formen der Berichterstattungen völlig normalisiert sind, nicht eher zu einer Abstumpfung als zu Involviertheit? Wird das Kino so nicht zu einem Rahmen, der uns anstelle zu einer Mobilisierung gegen den Krieg aufzurufen, den Krieg als konsumierbare Häppchen aufbereitet? Denn auch wenn The Cave mich für 90 Minuten völlig in seinen Bann schlägt, kann ich doch an diesem Freitagabend den Kinosaal verlassen, mich kurz schütteln und dann zur Beruhigung meiner Nerven ein Bier in Brooklyn trinken gehen. Die eigene Betroffenheit fühlt sich an wie das minimale humanitäre Engagement, mit dem sich am Ende das Entsetzen, das ich im Kino verspüre als getane Bürgerpflicht enttarnt.

Was bleibt nach dem Kinobesuch sind Bilder, die mich heimsuchen und das Wissen darum wie grauenvoll der Krieg ist. “Silence is all over us“, verkündet das Voice-over von Amani Ballour am Ende über der gleichen Einstellung wie zu Beginn des Films: eine Totale der Stadt Ghuta, dieses Mal steigt schwarzer Rauch über dem Horizont auf. Aber der Film wird nicht still, sein düsterer Klangteppich zieht sich weiter bis zum Ende. Vielleicht hätten Momente der Ruhe aber genau den Raum geschaffen, um über diese geradlinige Betroffenheitspoetik hinauszugehen. So bleibt ein schaler Nachgeschmack der Manipulation — wenn du nicht berührt bist von diesen Bildern, dann hast du kein Mitgefühl scheint einem der Film lautstark entgegenzurufen. In einer Sequenz sitzen die Mitarbeitenden gemeinsam um den Fernseher und sehen sich die Bilder von der letzten Zerbombung an, es wird kein Wort gesprochen. Ich komme in Erinnerung an dieses Bild nicht umhin Susan Sontags Beobachtung zuzustimmen:

“Perhaps the only people with the right to look at images of suffering of this extreme order are those who could do something to alleviate it—say, the surgeons at the military hospital where the photograph was taken—or those who could learn from it. The rest of us are voyeurs, whether we like it or not.“

The Cave (2019)

Unterhalb der Erdoberfläche hat eine Gruppe von Ärztinnen in der syrischen Provinz Al Ghouta ein unterirdisches Feldlazarett errichtet, um dort vor allem Kinder und verletzte Zivilisten zu behandeln.

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