The Boy Next Door

The Boy Next Door

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

"Eine verhängnisvolle Affäre" für Arme

Filmische Qualität muss nicht zwangsläufig teuer sein. Eine Haltung, die die Macher des Stalking-Thrillers „The Boy Next Door“ laut Presseheft mit ihrer 4-Millionen-Dollar-Produktion unter Beweis stellen wollten. Dass Qualität allerdings innovative Ideen, eine mitreißende Geschichte und eine eigenständige Umsetzungsweise erfordert, scheinen die Damen und Herren in ihrem grenzenlosen Eifer vollkommen vergessen zu haben. Das Kino-Comeback von Superstar Jennifer Lopez entpuppt sich nämlich schon nach kurzer Zeit als komplett verunglückter Reißer, der den spannungsreichen Genreklassiker Eine verhängnisvolle Affäre zu imitieren versucht, jedoch von einem Fettnäpfchen ins nächste tritt. Zu allem Überfluss haben Regie und Drehbuch trotz zahlreicher Trash-Anflüge nicht den Mumm, den Film durchweg als Parodie anzulegen, womit man das Ganze zumindest ein wenig unterhaltsamer gestaltet hätte.
Fixpunkt und Augenweide des Films ist die gebeutelte Highschool-Lehrerin Claire Peterson (Lopez), die sich nach der Trennung von ihrem untreuen Gatten nicht so recht entscheiden kann, ob sie ihm eine zweite Chance einräumen oder ihn endgültig in den Wind schießen soll. Für willkommene Ablenkung vom betrüblichen Vorstadteinerlei sorgt der 19-jährige Noah (Ryan Guzman), der zu seinem kranken Großonkel ins Nachbarhaus zieht und sich freundschaftlich um Claires unsicheren Teenager-Sohn Kevin (Ian Nelson) kümmert. Auch sonst packt der attraktive junge Mann überall mit an und weckt bei der Mittvierzigerin daher irgendwann ein schwaches Begehren. Verstohlene Blicke durchs Fenster sind der aufregende Anfang. Und eine gemeinsame Liebesnacht ist das bittere Ende. Denn Noah will nicht akzeptieren, dass Claire die traute Zweisamkeit nur als Ausrutscher sieht.

Stalking-Geschichten haben im Kino eine lange Tradition und verlaufen zumeist nach einem recht eingefahrenen Muster. Will man das Publikum nicht langweilen, sollte man daher zumindest ein paar interessante Kniffe bereithalten. So wie Laetitia Colombani, die in ihrem Thriller-Drama Wahnsinnig verliebt die Handlung aus zwei unterschiedlichen Perspektiven präsentiert und damit die Frage nach der Relativität von Wahrnehmung aufwirft. The Boy Next Door schert sich um derartige Eigenleistungen keinen Deut, sondern wirft den Zuschauer in eine von A bis Z vorhersehbare Erzählung, deren Logikpatzer ständig unangenehm hervorstechen, da es allenfalls künstlich aufgebauschte Spannungsmomente zu bestaunen gibt. Regisseur Rob Cohen (Alex Cross) und Drehbuch-Newcomerin Barbara Curry, die früher als Staatsanwältin tätig war, ist kein Klischee zu abgedroschen, weshalb man fast schon Lust bekommt, eine Strichliste zu führen. Der übliche Rückzugsraum des Stalkers samt Fotowänden taucht beispielsweise ebenso auf wie eine plötzlich hervorspringende Katze.

Passend zur schlichten Erzählführung fallen die Dialoge immer wieder banal und überexplizit aus, was einige ungewollte Lacher provoziert. Etwa wenn Noah das Wetter und die ominöse Liebesnacht mit den Worten „Bei uns war es feucht“ kommentiert. Angesichts der rundum konventionellen Prämisse sind auch die ständigen Homer-Bezüge – Noah erweist sich als wahrer Zitate-Meister – vollkommen fehl am Platz. Anstatt das Geschehen, wie beabsichtigt, mit Ambivalenz und Bedrohlichkeit aufzuladen, bieten die ödipalen Anspielungen im Grunde nur Anlass zu ungläubigem Kopfschütteln.

Eine Teilschuld am Misslingen des Films trifft sicherlich auch die beiden Hauptdarsteller, die es schlichtweg nicht fertigbringen, ihre Figuren halbwegs glaubwürdig erscheinen zu lassen. Ryan Guzman müht sich zwar redlich, die Psycho-Anfälle Noahs auszuspielen, wirkt als Antagonist aber einfach nicht abgründig genug. Plakatives Overacting siegt bei ihm die meiste Zeit über eine subtil-bedrohliche Darstellung. Jennifer Lopez, deren Mitwirken wohl der einzige Grund für eine Kinoauswertung war, kann man die Klassiker verfechtende Literaturlehrerin ebenso wenig abnehmen. Zu sehr hebt Cohens Inszenierung auf die optischen Reize der mittlerweile 45-jährigen Schauspielerin ab, und zu lange verharrt die Protagonistin in der Rolle des scheuen Opfers. Entscheidungen, die Lopez bereitwillig mitgetragen hat. Immerhin war sie auch als Produzentin an dem Projekt beteiligt.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wer einen spannenden und eigenwilligen Stalking-Thriller sehen möchte, sollte tunlichst einen Bogen um den hoffnungslos missratenen The Boy Next Door machen und sich stattdessen etwa den spanischen Genrebeitrag Sleep Tight von 2011 vornehmen, der ein cleveres Spiel mit der Empathie des Zuschauers treibt.

The Boy Next Door

Filmische Qualität muss nicht zwangsläufig teuer sein. Eine Haltung, die die Macher des Stalking-Thrillers "The Boy Next Door" laut Presseheft mit ihrer 4-Millionen-Dollar-Produktion unter Beweis stellen wollten. Dass Qualität allerdings innovative Ideen, eine mitreißende Geschichte und eine eigenständige Umsetzungsweise erfordert, scheinen die Damen und Herren in ihrem grenzenlosen Eifer vollkommen vergessen zu haben.
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