The Boss of It All

The Boss of It All

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Es lebe der Sündenbock!

In den großartigen Kriminalromanen des französischen Autors Daniel Pennac gerät dessen Amateurdetektiv wider Willen Benjamin Malaussène vor allem deshalb immer wieder in die Bredouille, weil er aller Welt wie der ideale Sündenbock erscheint. Kaum ist er irgendwo in der Nähe, sterben die Menschen wie die Fliegen und alle Spuren deuten stets auf den vollkommen Unschuldigen hin. Kein Wunder, dass er im Verlauf der Krimireihe vom Reklamationsmanager eines Warenhauses zum hauptberuflichen Sündenbock eines Verlages aufsteigt, wo er für alle Entscheidungen seiner Chefin den Kopf hinhalten muss. Was natürlich damit endet, dass dieser Kopf von einer Kugel getroffen wird. Trotzdem: Die Idee eines Sündenbocks erfreut sich nicht erst seit Daniel Pennac, sondern vielmehr schon seit alttestamentarischen Zeiten großer Beliebtheit und ist gerade in Zeiten wirtschaftlicher Not die Strategie der Wahl, um vom eigenen Versagen abzulenken. Was auch die Grundidee des neuen Films von Lars von Trier bildet.
In dem Werk mit dem Titel The Boss of It All / Direktøren for det Hele hat der IT-Unternehmer Ravn (Peter Gantzler) seinen Mitarbeitern aus reiner Bequemlichkeit über lange Zeit vorgegaukelt, es gäbe noch einen ihm übergeordneten Entscheidungsträger, der all die unpopulären Maßnahmen und Direktiven zu verantworten habe, die in Wirklichkeit aus Ravn selbst zurückgehen. Doch nun, da die Firma kurz vor dem Verkauf an einen Investor steht geht es nicht anders, der „Boss of It All“ muss endlich in Erscheinung treten. Zu diesem Zweck heuert Ravn den Schauspieler Kristoffer (Jens Albinus) an, der den dreckigen Job für ihn erledigen soll. Und trotz professioneller Bedenken findet der schnell gefallen an seiner Rolle als „Chef von dat Janze“…

Auch wenn Lars von Trier dem Publikum bislang vor allem als Schöpfer tragischer Filme wie Breaking the Waves oder Dancer in the Dark in Erinnerung geblieben sein dürfte: So überraschend, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, ist The Boss of It All / Direktøren for det Hele keineswegs. Bereits in Epidemic (1987), der allerdings in Deutschland erst mit vielen Jahren Verspätung im Kino zu sehen war, machte sich das Enfant terrible des europäischen Films mit boshaftem Witz und grimmiger Ironie lustig über das Arbeitsleben – wobei er vor allem seine eigene Arbeit als Filmemacher und Drehbuchautor aufs Korn nahm. Auch die TV-Serie Geister / The Kingdom, The Five Obstructions und teilweise auch Idioten / Idioterne verraten, dass der Däne nicht nur ein ausschließlich bierernster Mensch ist. Auch wenn nicht jeder Zuschauer seinen Sinn für Komik teilen kann. Und es gab nicht wenige, die das von Lars von Trier mitinitiierte Manifest „Dogma 95“ für nichts weiter als einen gigantischen Witz und geschickten Marketing-Gag hielten – man kann es ihnen nicht verdenken.

Natürlich hat sich der Regisseur auch für seinen neuen Film wieder eine neue formale Verrücktheit einfallen lassen – ein Verfahren namens „Automavision“, bei dem ein Zufallsgenerator den gewählten Bildausschnitt und die Kameraposition sowie die Eintstellungen willkürlich verschiebt, was zu recht seltsamen Ergebnissen führt. Die passen aber insgesamt recht gut zum verspielten und im wahrsten Wortsinne ver-rückten Plot.

Überhaupt macht sich Lars von Trier auch dieses Mal wieder einen Heidenspaß daraus, den Zuschauer gehörig hinters Licht zu führen und falsche Spuren auszulösen. Wie in etlichen seiner vorherigen Filme fungiert der Regisseur auch hier als ominpotenter Off-Erzähler, der gleich zu Beginn des Films darauf insistiert, dass er nichts weiter im Sinn gehabt habe, als eine harmlose kleine Komödie zu drehen, hinter der sich kein tieferer Sinn verberge – haha, wer’s glaubt! Natürlich kann man den Film auch als durchtriebene Bürogroteske genießen und sich über manche schöne Miniatur aus dem eigenen Arbeitsalltag erfreuen. Doch gerade Lars von Triers Beharren auf der Harmlosigkeit seines Films lässt den Zuschauer nicht mehr los, fordert ihn heraus und zwingt in, bei all dem Treiben in den gesichtslosen Räumlichkeiten des IT-Unternehmens ganz genau hinzuschauen.

Wer nun allerdings glaubt, der Däne führe eine große moralische Botschaft oder gar eine breit gefächerte Kapitalismuskritik im Schilde, der sich vor allem mit all seinen eigenen Erwartungen und Haltungen konfrontiert und vorgeführt. Denn im Verlauf des Films erweisen sich alle Figuren als derart überzeichnet und zugespitzt, dass sie zur Reflektion nicht im Geringsten taugen. Was wir zu sehen bekommen, ist ein Schauspiel. Doch vor allem sind wir es selbst, die wir sehen, unsere verzweifelte Suche nach Sinn und Botschaft, nach einer Autorität, die uns die Welt erklärt. Erklärungen aber für die Verrücktheiten der Welt im Allgemeinen und der Arbeitswelt im Besonderen gibt es nicht. Am besten, man lehnt sich entspannt zurück und lacht herzlich darüber. Und wem der Film nicht gefällt, der kann ja den Regisseur dafür verantwortlich machen. Der kennt sich schließlich mit Sündenböcken aus.

The Boss of It All

In den großartigen Kriminalromanen des französischen Autors Daniel Pennac gerät dessen Amateurdetektiv wider Willen Benjamin Malaussène vor allem deshalb immer wieder in die Bredouille, weil er aller Welt wie der ideale Sündenbock erscheint.
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