Taxi

Taxi

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Mit einem Taxi durch Hamburg

Bloß nicht festgehalten zu werden ist für Alexandra (Rosalie Thomass) das Wichtigste. Sie will keine Bindungen, keine Verpflichtungen. Also hat sie im Hamburg der 1980er Jahre ihre Ausbildung zur Versicherungskauffrau abgebrochen und sich bei einem Taxiunternehmen beworben. "Ich meldete mich auf eine Anzeige, in der nicht nur Taxifahrer, sondern ausdrücklich auch Taxifahrerinnen gesucht wurden. 1984 war es in Stellenanzeigen noch nicht üblich, jedem Beruf auch noch eine weibliche Endung anzufügen. Man tat es nur, wenn man andeuten wollte, dass man praktisch jeden nahm." Also kurvt Alex fortan mit ihrem Mercedes durch die Hamburger Nacht und fährt Besoffene, Nutten und bürgerliche Ehepaare. An ihrem Job mag sie das Geld, vor allem aber genießt sie, dass die Fahrgäste nach kurzer Zeit wieder aussteigen. Bei ihnen muss sie sich nicht festlegen, nicht darüber nachdenken, wer oder was sie sein will.
Alex ist eine hinreißend widerspenstige Protagonistin in dem Film Taxi nach dem gleichnamigen Roman von Karen Duve, die auch das Drehbuch geschrieben hat. Sie ist selbst in Hamburg in den 1980er Jahren jahrelang Taxi gefahren, nachdem sie eine Ausbildung zur Steuerinspektorin abgebrochen hatte. Deshalb haben sowohl Roman als auch Film deutliche autobiographische Parallelen – ist doch Alex ebenso als "Zwodoppelvier" bekannt wie es Karen Duve einst war. Ohnehin bleibt der Film eng am Roman, manche Sätze sind sogar wortwörtlich übernommen. Deshalb ist Alex in Buch und Film gleichermaßen trotzig und rotzig – und wird von Rosalie Thomass sehr überzeugend gespielt.

Jedoch sind Roman und Film mehr als eine Autobiographie. Karen Duve spitzt Erlebnisse zu, kommentiert mit Lakonie und Melancholie und schreckt vor Widersprüchen nicht zurück. Daher gerät Alex in eine Beziehung mit ihrem Kollegen Dietrich (Stipe Erceg, Der Baader-Meinhof-Komplex) ein, obwohl sie es nicht will, und strebt nach Unabhängigkeit, während sie sich ihre Wäsche weiterhin von ihrer Mutter machen lässt. Alex weiß sehr viel besser, was sie nicht will – angepasst, spießig und ehrgeizig sein –, hat jedoch keine Ahnung, was sie will. Also fährt sie durch die Nacht, verachtet ihren yuppiehaften Bruder mitsamt seinen strebsamen Freunden und fühlt sich eingeengt von ihrer hausfräulichen Mutter. Erst dem Psychologen Marc (Peter Dinklage, Games of Thrones) gelingt es, sie zu verunsichern und herauszufordern.

Es ist vor allem die Hauptfigur, die diesen Film sehenswert macht. Außerdem lässt Taxi auch Erinnerungen an die 1980er Jahre wach werden, einer Zeit, in denen Nerds noch nicht cool waren – aber immerhin so cool, dass sie vorhersahen, dass sie die Zukunft bestimmen – und Popper davon träumten, bei einer Bank viel Geld zu verdienen. Es war die Zeit furchtbarer Kleidung und schlimmer Musik, aber auch eine Zeit, in der man nach Freiheit und nicht nach Sicherheit und Innerlichkeit strebte. Von Kamerafrau Sonja Rom in satte, leuchtende Farben gefasst, die sich mit dem kühlen Blau der Nacht abwechseln, wecken die Bilder von Hamburg fast nostalgische Gefühle, während der Film insgesamt vor allem angesichts der Protagonistin fast progressiv ist.

Leider wird auf die Nebenfiguren weit weniger Sorgfalt gelegt. Alex' Kollegen sind Klischees, sogar Dietrich und Marc bekommen kaum Raum zur Entfaltung. Sie verbleiben in ihrer Funktion als Alex' Liebhaber, ohne dass sich ihre Faszination für sie – abgesehen von ihrer Attraktivität – nachvollziehen lässt. Bei den Fahrgästen wird die Möglichkeit nicht genutzt, kleine Geschichten zu erzählen, vielmehr dienen auch sie überwiegend der weiteren Charakterisierung von Alex. Sicher ist diese Konzentration auf die Protagonistin bereits im Roman angelegt, aber hier hätte der Film von Regisseurin Kerstin Ahlrichs mehr Eigenständigkeit entgegensetzen sollen. Dennoch ist Taxi inmitten der zahllosen romantischen Komödien über Frauen, die den Sinn des Lebens letztlich in der Beziehung zu einem Mann entdecken, eine unterhaltsame Ausnahme.

Taxi

Bloß nicht festgehalten zu werden ist für Alexandra (Rosalie Thomass) das Wichtigste. Sie will keine Bindungen, keine Verpflichtungen. Also hat sie im Hamburg der 1980er Jahre ihre Ausbildung zur Versicherungskauffrau abgebrochen und sich bei einem Taxiunternehmen beworben.
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