Tartüff

Tartüff

Eine Filmkritik von Stefan Otto

Murnaus Molière

„Gestern Abend sammelte sich in den festfrohen Räumen des neuesten Kinos an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ein Kreis geladener Gäste. In milder Helle schimmerte das Gold der Verzierungen, glänzte der Vorhänge Damast, funkelten die Hänger von Kristall.“ So berichtete am 25.1.1926 der Berliner Lokalanzeiger von der Eröffnung des Gloria-Palastes am Ku’damm, dem jüngsten und vornehmsten Uraufführungskino der Hauptstadt. Anlässlich der Eröffnung des von der Ufa betriebenen Hauses feierte an jenem Abend eine Ufa-Produktion ihre Premiere, die wie keine zweite zum feudalen Ambiente des neobarocken Prachtkinos passte: Tartüff.
Tartüff (D 1925) ist das Werk eines eingespielten Teams, das sich heute liest wie ein Who is Who des deutschen Stummfilms. Emil Jannings als falscher Heiliger in der Titelrolle, Werner Krauss als verblendeter Ehemann Orgon und Lil Dagover als schöne Elmire. Erich Pommer als Produzent des Films, Carl Mayer als Drehbuchautor, Karl Freund an der Kamera, Robert Herlth und Walter Röhrig als Ausstatter und zuallererst Friedrich Wilhelm Murnau als Regisseur.

Carl Mayers Drehbuch zu Tartüff ist eine freie Adaption von Molières Theaterkomödie Tartuffe aus dem 17. Jahrhundert. Mayer und Murnau simplifizierten den Stoff des französischen Dichters und legten ihren Schwerpunkt auf das Grundmotiv eines religiösen Heuchlers, der sich ins Haus seines von ihm bekehrten Freundes einschleicht, dessen Ehe spaltet und schließlich versucht, die Frau seines Jüngers zu verführen. Der Regisseur und sein Drehbuchautor versahen das Stück mit einer in den zwanziger Jahren spielenden Rahmenhandlung und reduzierten ansonsten die Vielzahl unterschiedlicher Charaktere und Situationen des Originals zugunsten eines Kammerspiels, das sich auf die drei Hauptpersonen konzentriert.

Murnaus Tartüff ist nun auf DVD in einer restaurierten Fassung bei Transit Classics erschienen. Die DVD-Version beruht auf der amerikanischen Filmkopie, hier mit deutschen Zwischentiteln versehen.

Das etwas überfrachtete, aber aufschlussreiche Feature Tartüff, der verschollene Film von Luciano Berriatúa, dem Restaurator des Films, enthält außerdem den Epilog der schweizer Kopie. Den Zuschauern, denen Tartüff etwas kurz vorkommt, sei gesagt, dass der Film nicht länger konzipiert war als die 64 Minuten, die nun auf der DVD zu sehen sind.

Tartüff

Gestern Abend sammelte sich in den festfrohen Räumen des neuesten Kinos an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ein Kreis geladener Gäste. In milder Helle schimmerte das Gold der Verzierungen, glänzte der Vorhänge Damast, funkelten die Hänger von Kristall.
  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.

Weitere Filme von

Friedrich Wilhelm Murnau