Tarot

Tarot

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Die Vermittlung vagen Unbehagens

Es ist schon kurios, wenn ein Regisseur den Stoff eines Romans gleich zwei Mal verfilmt. Hatte der Filmemacher Rudolf Thome Johann Wolfgang von Goethes Geschichte Die Wahlverwandtschaften aus dem Jahre 1809 bereits 1975 nach seinem eigenen Drehbuch unter dem Titel Tagebuch inszeniert, entschloss er sich zehn Jahre später dazu, sich erneut filmisch mit diesem Roman zu beschäftigen. Dieses Mal kam der Vorschlag dazu von Max Zihlmann, der auch das Drehbuch zum Film verfasste, der 1986 erschien. Tarot hat Rudolf Thome diese zweite Version einer so schwierigen wie letztlich tragischen Beziehungskonstellation genannt, und die populären Orakel-Karten spielen innerhalb der Geschichte tatsächlich eine bedeutsame Rolle.
Die Schauspielerin Charlotte (Vera Tschechowa) und der Regisseur Eduard (Hanns Zischler), beide Anfang der Vierziger, haben sich in ein malerisch am Fluss gelegenes Landhaus zurückgezogen, um sich ihrer nicht immer problemlosen Beziehung zu widmen und sich innerhalb der idyllischen Natur neu zu orientieren. Während Charlotte an einem Roman schreibt, bemüht sich Eduard darum, eine filmtaugliche Idee zu finden und zu fixieren, wobei sich seine Frau offensichtlich um einiges intensiver auf dieses stille, schlichte Leben konzentrieren kann als er selbst, dessen Kreativität sich gerade in der Krise befindet. So ereignen sich die unspektakulären Tage, in denen Charlotte in sich ruht und wirkt, während Eduard eher desorientiert und flüchtig wirkt.

Begeistert erscheint Charlotte nicht gerade, als Eduard seinen alten Freund Otto (Rüdiger Vogler), der gerade nicht seine besten Zeiten erlebt, für eine Weile ins Landhaus einlädt, doch sie stimmt zu, und später wird es eben dieser im Gegensatz zu Eduard aufmerksam und sensibel auftretende Mann sein, dessen Gesellschaft sie noch überaus schätzen wird. Als Charlotte noch ihre ebenso junge wie hübsche Nichte Ottilie (Katharina Böhm) zu Gast hat, entspinnen sich zwischen den Männern und Frauen bald emotional und erotisch verwobene Beziehungen, die für verhaltene, zunächst unterschwellige Spannungen innerhalb der ländlichen Idylle sorgen. Trotz dieser seltsamen Situation verfolgen Charlotte und Eduard ihren Plan, doch noch zu heiraten, und Charlotte empfängt ein Kind von ihrem Mann ...

Geradezu ungesund mutet die Konstellation der vier Figuren im Landhaus an, so wie auch die Äußerungen und Aktionen der Protagonisten, deren Motivationen und Entwicklungen häufig so unverständlich wie unsympathisch daherkommen. Innerhalb der harmlosen, heiteren Natur ist die Anbahnung einer Katastrophe dennoch spürbar, derart linkisch erscheinen schließlich die Menschen darin, denen sie anfangs noch Wonnen bereitet hat. Nicht zuletzt durch die Symbolhaftigkeit der Tarot-Karten und ihre medial erscheinende Deutung drängt sich hier eine unabwendbare Schicksalshaftigkeit auf, die von den höchst hilflosen Haltungen der Helden verstärkt wird. Somit stellt Tarot keineswegs einen angenehm zu rezipierenden Film dar, sondern vielmehr einen Vermittler von vagem Unbehagen.

Auch wenn sich das Schauspiel der Darsteller durch einen mitunter recht kruden Naturalismus auszeichnet, dem der Hauch des Dokumentarischen anhaftet, ist es gerade dieser Effekt, der in Einheit mit der extremen emotionalen Spärlichkeit der Charaktere eine Atmosphäre des Abstrakten sowie der Unverbindlichkeit erschafft. Die Liebeskeimungen, die hier doch im Vordergrund stehen, zeigen sich doch nüchtern und leidenschaftslos, und doch führen die Entwicklungen letztlich für alle Beteiligten ins Unglück. Tarot beschwört damit den Topos der Liebe als ebenso unwegsam wie verderblich herauf, und der Film beeindruckt in seiner wachsenden Tristesse als pessimistisches Drama, das dem Zuschauer reichlich Raum für eigene Interpretationen und mitunter missmutige Spekulationen lässt.

Tarot

Es ist schon kurios, wenn ein Regisseur den Stoff eines Romans gleich zwei Mal verfilmt. Hatte der Filmemacher Rudolf Thome Johann Wolfgang von Goethes Geschichte Die Wahlverwandtschaften aus dem Jahre 1809 bereits 1975 nach seinem eigenen Drehbuch unter dem Titel Tagebuch inszeniert, entschloss er sich zehn Jahre später dazu, sich erneut filmisch mit diesem Roman zu beschäftigen. Dieses Mal kam der Vorschlag dazu von Max Zihlmann, der auch das Drehbuch zum Film verfasste, der 1986 erschien.
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