Tangerines

Tangerines

Eine Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Von der Idiotie des Krieges

Es ist nicht Ivos Krieg, der sich vor seiner Haustür abspielt. Als Angehöriger der estnischen Minderheit in Abchasien, einer autonomen Region Georgiens, fühlt er sich keiner der verfeindeten Parteien zugehörig. Dennoch bleibt der alte Mann vor Ort, während sich seine Familie bereits auf die Flucht in die estnische Heimat begeben hat. Nachbar Margus ist Ivos letzter Vertrauter, doch sobald dieser seinen Mandarinenhain abgeerntet hat, will auch er das Kriegsgebiet verlassen. Wie aber nun die üppige Ernte ganz ohne Hilfe einfahren?
Der Mandarinenhain ist ein Symbol für jene Dinge, die Menschen aller Vernunft zum Trotz an einen Ort binden können. Mitten im Krieg über 200 Kisten Mandarinen gewinnbringend zu verkaufen, scheint ein hoffnungsloses Unterfangen zu sein und Margus’ fortwährende Beschäftigung mit diesem Vorhaben entwickelt nahezu komödiantische Züge. Im Grunde aber ist sein Festhalten an der Mandarinenernte zutiefst tragisch. Während alles auseinanderfällt, klammert sich Margus so vergeblich an seine Ernte wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm. Denn im Grunde sind die Mandarinen sein kleinstes Problem.

Viel bedrohlicher gestalten sich die nahen Gefechte zwischen Georgiern und Tschetschenen, die schließlich gar vor Margus’ Haustür stattfinden. Zwei Soldaten, von jeder Seite einer, überleben das kleine Gefecht und da Ivo vollkommen unparteiisch ist, beschließt er beide in seinem Haus gesund zu pflegen. Ob Georgier oder Tschetschene, das spielt für ihn keine Rolle: beide sind Menschen, beide benötigen seine Hilfe. Die Soldaten sehen dies freilich anders. Sie müssen erst lernen, hinter dem ideologischen Feindbild in ihrem Gegenüber wieder einen Menschen zu sehen. So anrührend auch die wachsende Sympathie der Männer füreinander, so wenig kann sie überzeugen. Regisseur Zaza Urushadze behauptet den Annäherungsprozess mehr als dass er ihn erzählt, verbindet die einzelnen Stadien der Begegnung nicht durch eine kontinuierliche Entwicklung. Tangerines ist weniger eine Charakterstudie als ein humanitäres Märchen, das vom Unsinn des Krieges erzählen möchte.

Zimmermann Ivo kommt mit seiner vorurteilsfreien Nächstenliebe und dem stark ausgeprägten Pazifismus einer Jesusfigur gleich. Doch seine Funktion als „guter Geist“ der Geschichte macht ihn zugleich auch unnahbar. Während Margus in seiner Fokussierung auf die Mandarinen eine menschliche Schwäche offenbart, schwebt Ivo gewissermaßen über den Dingen, rettet nicht nur die Körper der beiden Soldaten, sondern auch ihre Seelen. Wie ein Vater, der seine streitenden Söhne dazu zwingt, einander vergebend die Hand zu reichen, legt auch Ivo durchaus Strenge an den Tag, um den Hausfrieden aufrecht zu erhalten. Je länger sich Ahmed und Nika gegenüber sitzen, desto weniger verstehen sie ihren Hass aufeinander.

Urushadzes Inszenierung ist von großer Ruhe. Die Filmmusik beschränkt sich auf ein einziges wunderschön melancholisches Motiv, das während des Films in verschiedenen Variationen erklingt. Zugleich tragisch wie auch tröstlich haftet auch diesen Klängen etwas Märchenhaftes an. In dieser Atmosphäre wirkt die Gewalt des Krieges, die immer wieder in die Realität der vier Männer hineinbricht, umso heftiger. Urushadze präsentiert kein Feel-Good-Movie über Feinde, die zu Freunden werden, sondern eine zutiefst tragische Geschichte über Hass und Gewalt, die beide Phänomene in all ihrer Schrecklichkeit absurd wirken lässt.

Gerade weil Urushadze seine Zuschauer weniger rational als emotional anspricht, erhält seine pazifistische Botschaft besondere Kraft. Sein Film verzaubert und berührt, macht traurig und doch hoffnungsfroh. Tangerines ist einer dieser Filme, die man mit dem Herzen anstelle des Verstands sehen muss. Aber wenn man Antoine de Saint-Exupéry glaubt, sieht man mit dem Herzen ja ohnehin am besten.

Tangerines

Es ist nicht Ivos Krieg, der sich vor seiner Haustür abspielt. Als Angehöriger der estnischen Minderheit in Abchasien, einer autonomen Region Georgiens, fühlt er sich keiner der verfeindeten Parteien zugehörig. Dennoch bleibt der alte Mann vor Ort, während sich seine Familie bereits auf die Flucht in die estnische Heimat begeben hat.
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