Talking Money - Rendezvous bei der Bank (2017)

Log Line

Wie klingt die Sprache des Geldes? Und wie lässt sie sich mit dokumentarischen Mitteln einfangen? Sebastian Winkels ist mit Talking Money das Kunststück gelungen, bei Beratungsgesprächen in Banken sozusagen live dabei zu sein. Sein intimer Film erzählt viel über den Menschen in Zeiten des Kapitals. 

Talking Money - Rendezvous bei der Bank (2017)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Über Geld redet man doch!

„Über Geld spricht man nicht“, heißt es oft genug im Familien- oder Kollegenkreis. Aber wie soll man überhaupt ein Gespräch über Geld beginnen? Und erst recht, wenn man konkret einen Kredit benötigt? Auf dieser Grundkonstellation fußt Sebastian Winkels formal-ästhetisch streng angelegter Dokumentarfilm Talking Money über den (Sprach-)Fluss des Geldes und die Beziehungen der Menschen zueinander. Dafür ist es ihm nach 180 überwiegend erfolglosen Anfragen bei Kreditinstituten gut fünfzehn Mal gelungen, in Beratungsgesprächen zwischen Bankern und Kunden mit der Kamera dabei sein zu dürfen, was sogleich ein äußerst ungewöhnliches Dokumentarfilmsetting ermöglicht. 

Dabei sitzen sich jeweils zwei unterschiedliche Interessensgruppen direkt gegenüber: Immer ein Kunde, der entweder mehrheitlich Geld benötigt oder es wie eine Züricherin, die „auf der Sonnenseite des Lebens“ wandelt, konkret anlegen möchte. Und ihnen gegenüber thront jeweils ein Bankangestellter oder Kreditberater, der naturgemäß vor allem eine Strategie verfolgt: seinem Geldhaus noch mehr finanzielle Mitteln zuzuführen. In diesem ebenso simplen wie spannungsreichen Konfliktfeld erzählt Sebastian Winkels elliptisch montierter Episodenfilm Talking Money im Subtext eine Menge über das Menschsein in der Ära des Turbokapitalismus, der sich inzwischen en gros auf dem Planeten breitgemacht hat und von vornherein auf größtmögliche Gewinnmaximierung und keinesfalls auf Einzelschicksale ausgelegt ist. 

Dass dabei keine nüchtern-trockene Reportage unter dem Deckmantel eines Dokumentarfilms herausgekommen ist, liegt in erster Linie an der klugen Dramaturgie Simon Brückners (Aus dem Abseits), wodurch auf der Handlungsebene erfreulich viele Leerstellen bleiben, die jeder Zuschauer für sich selbst beantworten muss. Des Weiteren trägt die stark verdichtete Montage Frederik Bösings, dem eigentlich ein Co-Regie-Credit zustehen würde, dazu bei, dass der neueste Film des erfahren Regisseurs (7 Brüder) zu keiner reinen Stilübung erstarrt. Besonders die jeweils gewählte Sprache, die oft nur in kurzen Satzschnipseln („Hat er die Pfändung schon am Hals?“, „Ich starte jetzt in der Farbindustrie“ oder „Die Bank will sie nicht reinlegen. Wir wollen Sie begleiten.“) auftaucht, weckt sofort einen Reigen an Assoziationen, was passagenweise durchaus großen intellektuellen Spaß macht und nicht frei von Humor ist. 

In Verbindung mit flüchtigen Handbewegungen oder erregten Blicken ergeben sich in diesem rigiden Regiekonzept gleich mehrfach interessante Querverbindungen über zahlreiche Landes-, Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Darin liegt Sebastian Winkels größtes Verdienst in diesem facettenreichen Spiel aus Floskeln und (Selbst-)Täuschungen, authentischen Gefühlsregungen und blanker Enttäuschung. Ergänzt durch kurze, brillant montierte Zwischenschnitte, die nie eindeutig klären, ob man sich nun gerade in Ostdeutschland, Bolivien, Indien, Westafrika oder der Schweiz befindet, und manchmal unfreiwillig komische Alltagsbeobachtungen im Bankensektor funktioniert Talking Money wie eine einzige exklusive Overshoulder-Einstellung, da an keiner Stelle ein Vertreter aus der Finanzindustrie im Bild zu sehen ist.

Wenngleich Sebastian Winkels konsequent reduzierter Dokumentfilm nach gut einer Stunde durchaus repetitive Momente in sich trägt, so ist dem Regisseur mit Talking Money in der Summe eine gleichfalls kreative wie bemerkenswerte Perspektive mitten hinein in die Welt des sonst nur hinter verschlossenen Türen mäandernden Geldflusses gelungen. Was Jean-Jacques Rousseau schon im 18. Jahrhundert erkannt hatte („Das Geld, das man besitzt, ist das Mittel zur Freiheit, dasjenige, dem man nachjagt, das Mittel zur Knechtschaft“) wird in diesem an Raymond Depardon (12 Tage) erinnernden Dokumentarfilmrahmen mit Mitteln des „partizipativen Erzählens“ (Sebastian Winkels) überwiegend vielschichtig in Szene gesetzt. 

Talking Money - Rendezvous bei der Bank (2017)

Für seinen Film „Talking Money“ hat Sebastian Winkels in verschiedenen Ländern Gespräche von Kund*innen mit Bankberatern gefilmt und zeigt so, wie weit das Finanzielle in unser Leben hineinspielt.

  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.

Weitere Filme von

Sebastian Winkels

Weitere Filme mit