Takva - Gottesfurcht

Takva - Gottesfurcht

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Zwischen Psychodrama und Gesellschaftsanalyse

Nein, dieser Mann ist kein islamistischer Terrorist. Obgleich Muharrem (Erkan Can) einem strenggläubigen muslimischen Orden angehört, taugt er recht wenig dazu, dem Klischee eines islamischen Fundamentalisten und damit potenziellen Gewalttäters neue Nahrung zu verleihen. Er ist einfach nur ein stiller, ruhiger und sehr frommer Mann, der versucht, zu Beginn des 21. Jahrhunderts seinen Glauben zu leben, der in dieser Ausprägung aus den Anfängen des Islams stammt. Seit Jahr und Tag lebt er in Süleymaniye, einem der ältesten und konservativsten Stadtteile der Metropole Istanbul, im Haus seiner mittlerweile verstorbenen Eltern und arbeitet seit 34 Jahren ununterbrochen als Lagerverwalter für einen Sackhändler – ein Leben im Einklang mit den Gesetzen seiner Gemeinschaft: still, bescheiden und voller Gottesfurcht. Schließlich wird der Vorsteher des Klosters, das Muharrem seit elf Jahren aufsucht, um sich Allah zu widmen, auf den frommen Mann mit dem einfachen Gemüt und dem guten Herzen aufmerksam und beschließt, ihm eine wichtige Aufgabe anzuvertrauen: Er soll das Kloster fortan nach außen hin repräsentieren und die Mieten für die zahlreichen Immobilien eintreiben. Doch je mehr Muharrems Leben über das normale alltägliche Maß hinaus mit dem weltlichen Treiben Istanbuls konfrontiert wird, desto mehr bröckelt die feste Burg seines Glaubens. Denn nachts kommen die Dämonen, und wie so häufig präsentieren sie sich in verführerischer und natürlich weiblicher Gestalt. Immer wieder träumt Muharrem davon, mit einer Frau zu schlafen, und immer wieder erwacht er schweißgebadet und von deutlichen Spuren seiner unterdrückten Gelüste gezeichnet – für den Gläubigen eine ungeheure Sünde.
Mit der neuen Aufgabe, die Muharrem für das Kloster wahrnimmt, gerät er zunehmend mit jener weltlichen Seite Istanbuls in Kontakt, die er Zeit seines Lebens gemieden hat, und damit nehmen auch die Versuchungen zu, die ihn in seiner Gottesfurcht bedrängen und denen er nur schwer widerstehen kann. Verzweifelt versucht der fromme Mann, durch tagelange Gebete wieder auf den Pfad der Tugend zurückzufinden, doch sein Untergang ist unabwendbar – als er der Dämonin seiner Träume in der Realität begegnet und bei seiner Arbeit versagt, kommt es zur Katastrophe…

Während ein Film wie Gespräche mit Gott / Conversations with God auf reichlich naive und platte Weise den Weg eines Mannes schildet, der zu Gott findet, ist Takva – Gottesfurcht ein beeindruckender Gegenentwurf zu der schlichten Welt eines Neal Donald Walsh. Ohne jegliches Pathos und mit viel psychologischem Feingefühl schildert Özer Kiziltan in seinem von Fatih Akin coproduzierten Film den Weg eines frommen Mannes, der an seinem ausgeprägten Glauben zerbricht. Dabei hütet sich der Regisseur wohlweislich vor jeder Zuspitzung und desavouiert seinen Protagonisten ausdrücklich nicht als radikalen Wirrkopf, sondern als friedliebenden, frommen und gutmütigen Mann, der an den Gegensätzen von Glauben und Welt scheitert.

In der Türkei wurde der Film zu einem Riesenerfolg, der selbst Blockbuster wie James Bond 007 — Casino Royale und Borat auf die Plätze verwies – offensichtlich hat Kiziltan mit seinem Film einen Nerv der türkischen Gesellschaft getroffen, die weitaus mehr als andere muslimische Nationen gespalten ist zwischen dem Laizismus Atatürkscher Prägung und dem Islam. Und es ist genau diese innere Zerrissenheit, die diesen Film so spannend macht. Er zeigt eine Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne, bedrängt von den Prinzipien zwischen dem Kapitalismus und der Marktwirtschaft einerseits und den Traditionen des Glaubens andererseits – ein Widerspruch in sich, an dem Muharrem exemplarisch scheitern wird. Hoffen wir, dass Özer Kiziltan und sein Drehbuchautor Önder Çakar ihren Film nicht als Prognose für die türkische Gesellschaft, sondern vielmehr als Lehrstück und Mahnmal verstanden wissen wollen. Zugleich ist der Film aber auch für all jene äußerst sehenswert, die sich für jegliche Form des Fundamentalismus interessieren – sei es nun die muslimische oder die christliche Variante. Denn unter anderen religiösen Vorzeichen könnte dieser Film auch genauso gut in Deutschland oder in den USA spielen.

Takva - Gottesfurcht

Obgleich Muharrem (Erkan Can) einem strenggläubigen muslimischen Orden angehört, taugt er recht wenig dazu, dem Klischee eines islamischen Fundamentalisten und damit potenziellen Gewalttäters neue Nahrung zu verleihen.
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Meinungen
Snacki · 19.11.2007

Großartig, weil eindringlich, mit großem Sog, nahegehend. Und man merkt, dass Fatih Akin seine Finger drin hatte ... einer der besten Filme zum Thema Religion / Fanatismus seit langem!

Kommentare

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