Sweet Mud – Im Himmel gefangen

Sweet Mud – Im Himmel gefangen

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Meister der Ambivalenz

Die Kibbuz-Bewegung war in den 1970er Jahren das Mekka für die Anhänger eines basisdemokratischen, einfachen Lebens. Die Urmutter aller Landkommunen sozusagen. Dass es jedoch auch Schatten im Paradies gab, zeigt der wunderbar einfühlsame Film des israelischen Regisseurs Dror Shaul.
Der 37-Jährige weiß, wovon er in seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm spricht. Shaul wurde in einem Kibbuz geboren und wuchs dort auf. Er erzählt zwar nach seinen eigenen Worten „keine gänzlich wahre Geschichte“. Aber dass das Drehbuch die Sinnlichkeit eigenen Erlebens atmet, das spürt man in jeder Sekunde dieses Autorenfilms im besten Sinne. Eines Films, der das wahre Leben in einer Weise verdichtet und poetisiert, dass dem Zuschauer viel Freiraum für eigene Erfahrungen und Assoziationen bleibt.

Shaul hat wahrlich keine Hommage auf die einstigen Ideale vom kollektiven Leben jenseits des Privateigentums gedreht. Aber auch keine reine Abrechnung. Der Mann ist ein Meister der Ambivalenz. Das kommt nicht nur im Titel zum Ausdruck, der sich mit „süßer Schlamm“ nur schlecht übersetzen lässt. Das spürt man vielmehr in jeder Einstellung, in jedem Bild, ja beinahe in jedem Mienenspiel.

Am Anfang wandert die Kamera über eine Reihe von Babyflaschen und über eine merkwürdige Apparatur, die sich als eine Art Alarmzentrale für Babyphone erweist. Schreit irgendwo ein Winzling, dann macht sich einer der beiden diensthabenden nächtlichen Betreuer auf den Weg ans jeweilige Bettchen. Irgendwie praktisch, die Säuglingspflege auf diese schlafschonende Art zu kollektivieren. Aber auch erschreckend der Gedanke, dass die Winzlinge jede Nacht in ein anderes Gesicht schauen.

So geht es oft zu in dieser Innenschau des kollektiven Landlebens. Freiheit liegt direkt hinter einem Stacheldrahtzaun, sexuelle Freiheit entpuppt sich als Machtmissbrauch und moralische Erziehung als Gewalt. Das muss auch der zwölfjährige Dvir (Tomer Steinhof) erfahren, die Haupt- und Identifikationsfigur des Films, der viel mehr ist als ein Coming-of-Age-Drama. Dvir wird in einem Jahr seine Bar Mizvah feiern, den jüdischen Ritus zur Aufnahme in die religiöse Mündigkeit. Aber Dvir hat ganz andere Probleme als die verschiedenen Aufgaben und religiösen Prüfungen, die ihm die Gemeinschaft auferlegt. Der Junge muss sich vor allem um seine Mutter Miri (Ronit Yudkevitch) kümmern. Die hat unübersehbare psychische Probleme, seit der Vater ums Leben gekommen ist. Und zwar unter Umständen, die Dvir erst nach und nach herausbekommt.

Natürlich ist der Zwölfjährige mit dieser Aufgabe überfordert — einerseits. Andererseits aber auch nicht. Denn Tomer Steinhof, der zuvor noch nie vor einer Kamera gestanden hat, stattet den Jungen mit einer Stärke aus, die auf der Leinwand ganz natürlich und selbstverständlich wirkt. Dvir bleibt Kind, auch wenn er erwachsener sein muss als alle Erwachsenen um ihn herum. Und so hält der Regisseur die unter die Haut gehende Geschichte in einer zärtlichen Schwebe zwischen der unbedarften Lebensfreude jenseits der Kollektivgesetze einerseits und dem Leiden an der Härte des Gemeinschaftslebens andererseits. Auch Miri, die letztlich am Kibbuzleben zerbricht, ist keine bloße Schmerzensmadonna. Ronit Yudkevitch gelingen glänzende Übergänge von versteinerter Ausdruckslosigkeit hin zu einem glückseligen Lächeln.

Aber wie war es damals wirklich, mag man sich fragen. Hat der Kibbuz tatsächlich derart versagt, dass Menschen in den Selbstmord oder ins Irrenhaus getrieben wurden? Dass man mit psychisch Kranken nichts anzufangen wusste und sie alleine ließ? Sweet Mud – Im Himmel gefangen / Adama Meshuga’at lässt das bewusst offen, und das ist gut so. Er gibt die Sichtweise von Miri wieder, aus der diese Anklage bei einem Nervenkollaps herausbricht. Doch er stellt sie nicht als einzig mögliche Interpretation dar. Vor allem zeigt er Menschen, wie sie wirklich sind, weder reine Helden noch komplette Sünder. Und das ist bei einem solch ideologisch aufgeladenen Thema nie verkehrt. Denn die Kibbuz-Bewegung mag sich seit den 1970er Jahren von vielen Gemeinschaftsprinzipien verabschiedet haben. Aber die Ideale der Basisdemokratie werden ihre Anziehungskraft behalten – und neue Schatten werfen.

Sweet Mud – Im Himmel gefangen

Die Kibbuz-Bewegung war in den 1970er Jahren das Mekka für die Anhänger eines basisdemokratischen, einfachen Lebens. Die Urmutter aller Landkommunen sozusagen.
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Meinungen
heiner · 07.12.2008

sehr dröger film. schön fotografiert, aber langweilig.

Jogi · 20.08.2008

Klasse Film. Ein weiteres Filmjuwel aus Israel.

Die Geschichte ist sehr packend und mitfühlend erzählt. Zieht einen mit in den Abgrund.

Der Film ist stellenweise recht heftig, also nichts für weiche Gemüter.

Wer sich für Israel interessiert sollte diesen Film nicht verpassen.

Die Musik wirkt perfekt und ist sehr schön.

Kommentare

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