Superstar

Superstar

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Ich will aber nicht!

Der zweite Beitrag im Wettbewerb der 69. Ausgabe des Filmfestival Venedigs ist ein Kind der Moderne. Superstar heißt Xavier Giannolis neuer Film und noch vor zwanzig Jahren hätte man sich empört über die Großspurigkeit, seinem Werk solch einen Namen zu geben. Doch „Superstar“ nennt sich inzwischen jedes drittklassige Promiluder, weshalb der Filmtitel auch so passend ist.
Der Regisseur bleibt sich im Grunde seinem Lieblingssujet treu und erzählt eine Geschichte voller Mysterien und Missverständnisse, die einem Mann die Identität rauben und ihn so zwingen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Wie Kafkas Gregor Samsa wacht Martin Kazinski (Kad Merad) eines Tages auf und ehe er sich versieht ist er ein Star. Menschen wollen sein Autogramm, sie wollen auf Fotos mit ihm posieren. Jeder auf der Straße zerrt plötzlich an ihm herum und rennt ihm mit einer Kamera vor dem Gesicht hinterher. Wieso dies passiert, das ist das große Rätsel. Fest steht: Martin ist auf einmal ein „Celebrity“ ganz ohne Grund und komplett ohne jedwedes Talent.

Wären wir nicht alle vertraut mit solchen Geschichten von plötzlich auftauchenden YouTube Stars – man müsste Giannolis Film eigentlich für verrückte Fiktion halten. Doch das einzig verrückte hier ist, dass Martin kein Star sein will. Verzweifelt kämpft er darum, dass man ihn in Ruhe lässt und wird getrieben von der Frage, warum ausgerechnet ihm solch ein Unglück geschieht. Vermeintliche Hilfe findet er bei Fleur (Cécile de France), einer Reporterin, die ihm verspricht die Wahrheit zu herauszufinden und den Spuk zu beenden. Doch Fleurs journalistische Prinzipien sind durch die jahrelange Arbeit im Business marode geworden und halten nicht Stand. Vor allem in Abgrenzung zu Martins Versuchen seine Würde zu bewahren, wird deutlich, wie weit sie im Sumpf der neuen Event-Medien eigentlich drin steckt.

Superstar beginnt als fast märchenhaftes „Was wäre wenn..“ Kino – diese Art von Filmen gibt es oft, die wenigsten schaffen es einen ordentlichen Langfilm aus der lustigen Grundidee zu machen. Doch das ist hier nicht der Fall, die Idee ist tatsächlich nicht Träger allen Geschehens, sondern nur der Anfang eines unermesslich tiefen Sumpfes aus Absurditäten, Zynismus und Wahnsinn, der den kontemporären Personenkult und Starstatus mitsamt seiner medialen Präsenz ausmachen. Martin wird verehrt weil an ihm nichts ist. Seine Normalität ist sein Ruhm und je mehr er sich weigert ein Superstar zu sein, desto mehr wird er zu einem. Verzweifelt ruft er aus „Ich will kein Star sein“ und erntet nur ein „Deswegen lieben wir dich!“ und ein Lobpreisen der Medien, wie „authentisch“ er doch sei. Wie weit die Strukturen des neuen Starkultes allerdings reichen, der sich, wie im Film mehrmals eindeutig besprochen wird, schon so weit selbst ins Rollen gebracht hat, dass gar nicht mehr klar ist, wer einen Star schafft (Martins Existenz ist eine Farce für die Medien, die seinem Ruhm nur hinterher laufen, ihn aber nicht erschaffen haben) und was einen Menschen zu solchem macht.

Giannoli dekliniert alle Facetten seiner Idee gnadenlos bis zum Letzten durch. Dass solch bombastischer und geradezu sinnloser Ruhm nicht allzu lang anhält, ist klar. Doch es geht nicht nur um die Reflektion der Absurdität dieses Mechanismus, es geht auch um die Frage der eigenen Identität, der sich Martin letztendlich stellen muss. In dem Augenblick in dem die ominöse Öffentlichkeit ihm eine bestimmte Persönlichkeit aufdrückt, muss er sich gegen diese erwehren und sein eigentliches Ich behaupten. Doch wer ist man, wenn man nicht der sein will, den alle glauben zu kennen? So schraubt sich Superstar von einer kleinen lustigen Idee tief hinab in die Fragen von Ethik, Identität und Moderne, bis einem die Synapsen brummen. Manchmal verliert sich der Film in dieser Masse und leider ist das Ende im Gegensatz zu den Fragen, die er aufwirft, recht banal. Doch banal, das will das Werk ja sagen, ist zur Zeit das neue Schwarz und damit liegt Superstar wohl gerade voll im Trend.

Superstar

Der zweite Beitrag im Wettbewerb der 69. Ausgabe des Filmfestival Venedigs ist ein Kind der Moderne. „Superstar“ heißt Xavier Giannolis neuer Film und noch vor zwanzig Jahren hätte man sich empört über die Großspurigkeit, seinem Werk solch einen Namen zu geben. Doch „Superstar“ nennt sich inzwischen jedes drittklassige Promiluder, weshalb der Filmtitel auch so passend ist.
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