Stolperstein

Stolperstein

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Richtiges oder falsches Gedenken?

Der lang anhaltende Streit um das Holocaust-Mahnmal hat wieder einmal gezeigt, wie schwer sich Deutschland mit einer Kultur des Gedenkens – zumal eines öffentlich initiierten – tut. Der Kölner Künstler Gunter Demnig geht seinen ganz eigenen Weg, um an die vielen Millionen Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes zu erinnern. Seit dem Jahre 2000 verlegt Demnig kleine Messingplatten im Straßenpflaster. Und zwar überall dort, wo früher einmal von den Nazis verfolgte und getötete Mitbürger wohnten. Die Informationen, die dort zu lesen sind, sind spärlich, ein Name, der Geburtsjahrgang, die bekannten Daten der Verschleppung und Ermordung – mehr nicht. Doch das genügt bereits, wie man beobachten kann, um die Menschen aus dem Tritt zu bringen, den Kopf zu senken und für einen Moment innezuhalten. „Man muss die Namen wieder zurückbringen, denn im KZ waren’s Nummern“, so lautet Demnigs Credo. Finanziert wird das ganze von den Angehörigen der Opfer, die gegen eine Kostenbeteiligung von 95 Euro eine Gedenktafel erhalten, die Demnig in Handarbeit fertigt und selbst verlegt.
In mehr als 300 Städten in Deutschland, Österreich, Ungarn und den Niederlanden gibt es diese kleinen Gedenktafeln bereits. Und weitere Anfragen aus Italien, der Ukraine, Tschechien, Norwegen, Belgien und Frankreich müssen noch bearbeitet werden. Doch angesichts der Zahl von sechs Millionen Opfern ist das nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Demnig aber ist unermüdlich und widmet sich mit großer Tatkraft dieser Sisyphosarbeit. Er recherchiert, stellt die „Steine“ her und verlegt sie, um die Schicksale der Menschen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sondern sie dorthin zu bringen, wo sie geschahen. Es ist eine „Gedenkkultur von unten“, die er betreibt. Und damit eckt Demnig an. So etwa im Falle der Gedenktafeln für die Eltern von Peter Jordan, der heute in Manchester lebt. Die in München angebrachten Stolpersteine wurden wieder entfernt mit dem Hinweis darauf, dass die Namen der Eltern ja bereits im Memo-Buch der Stadt München verzeichnet seien. Und Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden hält Gunter Demnigs Stolperstein-Projekt insgesamt für fragwürdig und falsch, da diese „im Alltag mit Füßen getreten“ würden. Nur: Gibt es überhaupt ein richtiges und falsches Gedenken?

Seit 2002 wird der Künstler von Ute Franke begleitet und unterstützt, deren Tochter Dörte nun einen Film über die ungewöhnliche Idee Frankes und ihre Folgen gedreht hat. Wir sehen Demnig beim Verlegen der Steine In Braunau, dem Geburtsort von Adolf Hitler, in Hamburg und irgendwo in der ostdeutschen Provinz. Und zugleich verfolgt Franke auch die Spuren der Menschen, deren Namen wir auf den Steinen lesen können. Und sie zeigt Frauen, deren Väter bei der SS waren und die es sich zur Aufgabe gemacht haben, als eine späte Sühne die Steine zu pflegen und zu polieren. Auch das ist eine Form der Vergangenheitsbewältigung. Eindrucksvoll und ruhig macht Stolperstein deutlich, wie machtvoll, einfach und effektiv ein Gedenken abseits der offiziellen Akte und Mahnmale sein kann – wenn es in unseren Alltag eindringt und die Schritte der Passanten verlangsamt. Denn das Vergessen setzt erst dann ein, wenn die Namen der Opfer nicht mehr existieren.

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Der lang anhaltende Streit um das Holocaust-Mahnmal hat wieder einmal gezeigt, wie schwer sich Deutschland mit einer Kultur des Gedenkens – zumal eines öffentlich initiierten – tut.
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