Stiller Kamerad (2017)

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Das Leben ist kein Ponyhof. Erst recht nicht, wenn man als Soldat der Bundeswehr von einem Auslandseinsatz nach Hause kommt und weiterhin vor allem „funktionieren“ soll, wie es eine Protagonistin in „Stiller Kamerad“ auf den Punkt bringt, obwohl sie an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet.

Stiller Kamerad (2017)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

„Wehrdienstgeschädigt“

In den beinahe monatlich wiederkehrenden Nachrichtenmeldungen zum Status quo der deutschen Bundeswehr fällt immer wieder auf, dass es dabei entweder um interne Skandale, fehlende Ausrüstung, nicht funktionsfähige Flugzeuge oder das schwer angeknackste Image der (immer noch) amtierenden Verteidigungsministerin geht. Und selten genug um den eigentlichen Nukleus des Heeres: der physischen wie psychischen Verfassung der „Truppe“, wie sich die deutschen Soldaten gerne selbst nennen. Wie geht es eigentlich jenen Männern und Frauen, die berufsbedingt oft genug Leib und Leben riskieren? Davon ist auch im neuesten Wehrbericht von Hans-Peter Bartels auffällig wenig zu lesen.

Hunderte von ihnen kehren jährlich aus den zahlreichen Kriegs- und Krisengebieten in ihre Heimat zurück. Doch auch hier funktioniert nicht automatisch alles wie am Schnürchen, denn viele der Soldatinnen und Soldaten leiden unter einer sogenannten „posttraumatischen Belastungsstörung“ (PTBS). Knapp zweihundert waren es alleine 2018. Dieses längst nicht nur in den USA bekannte Krankheitsphänomen hat der junge Dokumentarfilmer Leonhard Hollmann, Jahrgang 1988, zum Anlass genommen hat, einen speziellen Pferdehof in Brandenburg eineinhalb Jahre lang mit der Kamera – und ohne weiteres Drehteam – zu besuchen. Sozusagen als Feldstudie.

Stiller Kamera heißt sein stiller, an der Filmuniversität Potsdam entstandener Abschlussfilm, der durch persönliche Sponsoren und viele Crowdfunder schließlich seinen Weg von der Filmhochschule über zahlreiche renommierte Filmfestivals (z.B. Hof, DOK.fest München, Filmfestival Max Ophüls Preis) in die deutschen Kinos gefunden hat. Völlig zurecht, möchte man ausdrücklich hinzufügen: Schließlich weckt Hollmanns leise beobachtender, keineswegs wertender Dokumentarfilm ohne Off-Kommentar oder moralischen Zeigefinderduktus schlichtweg erst einmal Neugier für jenes in Deutschland immer noch weitgehend tabuisierte Krankheitsbild, das auch innerhalb der Amtsstrukturen der Bundeswehr am liebsten möglichst klein geredet wird.

Wer mit PTBS zu kämpfen hat, braucht wirklich Hilfe. Und wie im Falle von Hollmanns Protagonisten Oliver („Mich beschäftigt, dass ich nicht weiß, was auf mich zukommt“), Mandy („Glücklich war ich, wenn ich darüber nachdenke, eigentlich nie bei der Bundeswehr“) und Roman („Ich bin mit 21 Jahren nach Afghanistan. Es war an dem Tag, als ich einen Menschen getötet habe. Ohne die Pferdetherapie würde ich nicht mehr leben“) konkrete Unterstützung abseits üblicher Akupunktur- oder Gesprächstherapien, die die Bundeswehr vielen Betroffenen anbietet – mit mehrheitlich überschaubarem Erfolg. Kein Wunder, dass die Selbstmordrate unter den Heimkehrern verhältnismäßig hoch ist und einige von ihnen lange Zeit – oder sogar gänzlich – als „wehrdienstgeschädigt“ und damit als „nicht mehr einsetzbar“ eingestuft werden, was sich in Stiller Kamerad in einer Reihe bemerkenswert offener O-Töne widerspiegelt und bezüglich gängiger, selbstredend eher kollektiv denn individuell ausgerichteter Bundeswehr-Standards durchaus manche Fragen aufwirft.

Da keinem von Hollmanns Protagonisten bisher langzeitlich geholfen werden konnte, buchen alle drei mit der Kamera begleiteten Männer und Frauen regelmäßig Therapieblöcke bei Claudia Swierczek im brandenburgischen Paretz. Eine Kostenübernahme durch die Bundeswehr wurde dafür bisher noch keinem bewilligt. In einer nur auf den ersten Blick reichlich idyllischen Pferdewelt hat sich Swierczek zusammen mit ihren Tieren auf eine „pferdegestützte Traumatherapie“ spezialisiert, zu der vor allem (Ex-)Soldaten kommen. In einer Mischung aus esoterisch angehauchter Lebensberatung, konkretem Eins-zu-eins-Coaching und mehreren Therapiestunden auf der Koppel versucht die systemische Familientherapeutin seit Jahren Bundeswehrsoldaten, die an PTBS leiden, in regelrecht friedvoller Atmosphäre zu heilen.

Diese Therapieblöcke bilden dann auch das Gros jenes insgesamt zwar wenig spannungsreichen, aber thematisch durchaus sehenswerten Dokumentarfilms. Wenngleich es eigentlich ein dokumentarisches Ding der Unmöglichkeit ist, in einen traumatisierten Menschen hineinschauen zu können, so vermittelt sich doch wenigstens in einigen kontemplativ gefilmten Therapieeinheiten etwas von den inneren Dämonen, mit denen Roman, Oliver und Mandy weiterhin zu hadern haben. Verstärkt durch die leider immer etwas zu aufdringliche Filmmusik von Kuan-Chen Chen und die insgesamt wenig variantenreiche Montage Lena Köhlers ist Stiller Kamerad im Resultat trotzdem ein politisch wichtiger Dokumentarfilm geworden, der hoffentlich auch außerhalb der Kinos weiterhin seinen Weg gehen wird. Nächster Halt: das Bundesministerium der Verteidigung.

Stiller Kamerad (2017)

In seinem Dokumentarfilm „Stiller Kamerad“ begleitet Leonhard Hollmann zwei traumatisierte Soldaten und eine Soldatin auf ihrem Weg zu Heilung durch Pferdetherapie auf dem Hof der Therapeutin Claudia Swierczek im brandeburgischen Paretz. 

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Meinungen
Liesel · 24.03.2019

Uns würde der Film interessieren. In der Region wird er nicht angezeigt. Leider aber auch nicht, in welcher Region er läuft.

Jonas · 04.02.2019

Toller und berührender Film! Auch für mich als "Zivilist"´. Danke!

Nikolaus Sieveking · 12.12.2018

Sensibles Nachspüren eines wenig beachteten Seelenleiden und deren faszinierende Therapie mittels Kontakt zu Pferden. Herrliche Aufnahmen, bewegende Sequenzen von dem, was eigentlich unzeigbar ist: der heilenden Interaktion zwischen Mensch und Tier.

Kommentare

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