Stille Sehnsucht – Warchild

Stille Sehnsucht – Warchild

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Balkan Blues, Teil 2

Ein Krieg, zumal wenn er im eigenen Land stattfindet und ehemalige Nachbarn, Freunde und Bekannte über Nacht zu Feinden werden lässt, ist eine derart traumatisierende Erfahrung, dass auch der Friedensschluss die Gemüter nicht zur Ruhe kommen lässt. Noch schlimmer ist es freilich, wenn dieser Krieg verbunden ist mit persönlichen Verlusten. Im Falle der Bosnierin Senada (Labina Mitevska) ist es kein Verwandter, kein Mann oder Bruder, der während des Bürgerkrieges gefallen ist, sondern ihre Tochter Aida, die seit mehr als zehn Jahren vermisst wird und die die mittlerweile dreißigjährige Frau einfach nicht vergessen kann. Anders als ihr Ex-Mann Samir (Senad Basic) glaubt Senada fest daran, dass ihre Tochter noch am Leben ist. Als sie erfährt, dass vermeintliche oder tatsächliche Kriegswaisen vom Roten Kreuz evakuiert wurden, folgt sie dieser Spur bis nach Süddeutschland, getragen von der Hoffnung, ihr mittlerweile zwölfjähriges Kind sicher und wohlauf wieder in die Arme schließen zu können.
Und Senadas Hoffnungen sind berechtigt, wie sich herausstellen wird, denn ihre Tochter (Joelle Ludwig) lebt. Allerdings wurde sie vor zehn Jahren zur Adoption freigegeben, da man annahm, ihre Eltern seien in den Kriegswirren gestorben. Mittlerweile hört sie auf den Namen Kristina und ist innerhalb ihrer neuen Familie, dem Ehepaar Lars und Beate Heinle (Otto Kukla, Crescentia Dünsser) bestens integriert. Trotzdem gibt Senada ihren Kampf um ihre Tochter nicht auf, auch wenn diese ihr mittlerweile vollkommen fremd geworden ist. Denn aufzugeben würde bedeuten, sich von einem Traum zu verabschieden, der sie lange Zeit überleben ließ…

Basierend auf einem Drehbuch des jungen Bosniers Edin Hadzimahovic, der als Co-Autor des Films Kiki und Tiger (2003, Regie Alain Gsponer) den Publikumspreis beim Max-Ophüls-Festival erhielt, hat der Regisseur Christian Wagner (Wallers letzter Gang, 1988) einen hochsensiblen, poetischen Film gedreht, der trotz des schweren Themas einen ruhigen und beinahe traumverlorenen Erzählton findet. Stille Sehnsucht – Warchild ist nach Zita (1997) der zweite Teil einer geplanten Trilogie Wagners, die den Titel "Balkan Blues" trägt und die sich mit den Folgen des Jugoslawien-Konflikts auseinandersetzt. In Stille Sehnsucht – Warchild geht es nicht allein um Senadas verschwundene Tochter, sondern auch um das Gefühl der Heimatlosigkeit und Entwurzelung, um die Suche nach der eigenen Identität, die mit dem Krieg im eigenen Land für Senada ein für allemal verschwunden ist. Allein ihre Tochter ist ihr Antrieb, ihr Lebenssinn, der Grund, warum alles überhaupt noch weitergehen kann, weitergehen muss. Doch die lebt längst in einer eigenen Welt und es ist bis zum Ende offen, wie der Kampf ausgehen wird. Stille Sehnsucht – Warchild ist nicht nur ein Film über die Folgen des Bürgerkrieges auf dem Balkan, er ist auch eine Parabel über die Verletzlichkeit starker Bindungen, über die Gefahren der Liebe und den unerträglichen Schmerz des Verlustes.

Stille Sehnsucht – Warchild

Ein Krieg, zumal wenn er im eigenen Land stattfindet und ehemalige Nachbarn, Freunde und Bekannte über Nacht zu Feinden werden lässt, ist eine derart traumatisierende Erfahrung, dass auch der Friedensschluss die Gemüter nicht zur Ruhe kommen lässt.
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Meinungen
· 15.11.2006

Stilistisch beeindruckender und tiefgründiger Film eines genialen Regisseurs...

· 10.11.2006

Man findet in den meisten Zeitungen keine anständigen Beschreibungen
Man kann sich nur unter einem titel oft sehr wenig vorstellen und ist deswegen angewiesen auf Mund-zu Mund Propaganda.So finde ich es wirklich einmalig mir über dieses Medium eine Vorstellung vom Film machen zu können.Danke

Kommentare

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