Sterne über uns (2019)

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Eine Flugbegleiterin und alleinerziehende Mutter verliert ihre Wohnung und findet so schnell keine neue. Dass sie und ihr Sohn aus purer Not ihr Zelt in einem Wald am Rande des Kölner Großraums aufschlagen, darf keiner wissen. Wer eine bürgerliche Existenz hat, kann sie schnell verlieren.

Sterne über uns (2019)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Sag niemandem, wo wir schlafen

Dieses kraftvolle Regiedebüt Christina Ebelts erschafft ein Bildmotiv, das sich fest im Kopf der Zuschauer*innen einnistet. Eine adrette junge Frau, bekleidet mit einem hellblauen Rock und weißer Bluse, geht mit ihrem Ziehkoffer durch hohes Gras, hinein in den Wald. Sie kommt heim von der Arbeit als Flugbegleiterin, und der Junge, der sie begleitet, hat einen ganz normalen Schultag hinter sich. Melli (Franziska Hartmann) und ihr 9-jähriger Sohn Ben (Claudio Magno) sind obdachlos und schlafen in einem Zelt im Wald.

Wie schnell es gehen kann, dass ein Mensch in die Obdachlosigkeit rutscht und damit den wesentlichen Pfeiler seiner bürgerlichen Existenz verliert, zeigt dieses Drama eindringlich. Mellis Not kam ganz plötzlich und beschert ihr eine gewisse Fassungslosigkeit, die sie mit den Betrachter*innen teilt. Nach und nach serviert das von Ebelt und der Ko-Autorin Franziska Krentzien verfasste Drehbuch einige Bruchstücke dieser Entwicklung. Da ist von einer schimmeligen Wohnung die Rede, der Wohnungskündigung, auch von einem Schufa-Eintrag, der Mellis Chancen auf dem freien Wohnungsmarkt radikal vermindert. Das Wohnungsamt spricht von einer sechsmonatigen Wartezeit, verweist Melli zurück zur Notunterkunft, die sie ihrem Sohn keinesfalls noch einmal zumuten will, wegen des Umfelds mit den vielen alkohol- und drogenabhängigen Männern.

Die Lage der alleinerziehenden Mutter ist besonders prekär, weil ihr das Kind weggenommen wird, wenn sie keine Wohnung hat. Und Ben in eine Pflegefamilie zu geben, wenn auch nur vorübergehend, ist für Melli vollkommen unvorstellbar. Verzweifelt bemüht sie sich, bei ihren Freunden und Bekannten unterzukommen. Die starke Spannung, die der Film bis zum Schluss aufrechterhält, liegt zum einen an dem markanten Kontrast einer berufstätigen Mutter, die im Flugzeug stets wie aus dem Ei gepellt aussehen muss, und ihrem Nachtlager im Wald. Zum anderen liegt sie an dem Versteckspiel, das Melli betreibt, um Ben und auch ihre Würde nicht zu verlieren. Melli ist als Stewardess in der Probezeit. Sie darf nicht zu spät kommen, soll telefonisch immer erreichbar sein. Wie diese Frau unermüdlich jongliert, ist erstaunlich – als Wandlerin zwischen zwei so weit auseinanderliegenden Welten spielt sie allerdings auch eine eher plakativ zugespitzte, als authentisch wirkende Rolle.

Wenn Melli mit Ben im Zelt, das mit Farnblättern zur Tarnung bedeckt ist, liegt, kommen Erinnerungen an den teilweise ähnlich gelagerten Leave No Trace von Debra Granik auf. Darin ging es um einen kriegstraumatisierten Vater in Amerika, der mit seiner Tochter schon lange versteckt im Wald lebt. Als die Tochter in der Pubertät steckt, nehmen die Spannungen in dieser bislang innigen Zweierbeziehung zu. Auch Ben darf nicht sagen, dass er keine Wohnung hat, zu niemandem. Seine hilflosen Versuche, die Mutter zu trösten und ihr beizustehen, verärgern sie jedoch meistens. Als er sagt, dass er einmal viel Geld verdienen will, um ihr zu helfen, widerspricht das ihrer Vorstellung, dass Kinder sich nicht die Sorgen der Erwachsenen machen dürfen. Aber Melli und Ben sind auch ein Herz und eine Seele, immer wieder umarmen sie sich, die Not schmiedet sie zusammen.

Anders als bei Granik spielen die Atmosphäre im Wald, die Umstände des Hausens im Zelt keine besonders große Rolle. Einmal ist von einer Kröte und Schneckenschleim die Rede, dann klappt das Feuermachen nicht. Man hört die Grillen zirpen. Aber die Inszenierung legt Wert auf kurze, wie flüchtig hingetupfte Szenen, in denen vieles lediglich angedeutet, angeschnitten wird. Der große Regen bleibt aus, das hellblaue Kostüm und die weiße Bluse nehmen keinen sichtbaren Schaden bei den täglichen Ausflug nach Köln und wieder zurück in die Natur. Der Fokus liegt auf den permanenten Anstrengungen Mellis, ihre Welt vor dem Auseinanderfallen zu bewahren. Ihr Charakter, mehr noch als der des so verständigen Jungen, bleibt jedoch nur spärlich beleuchtet. Und aus diesem Grund fällt es auch schwer, ihr Drama emotional nachzuvollziehen.

Melli symbolisiert in Reinform die bürgerlichen Ängste vor dem Existenzverlust, auch die Ängste Alleinerziehender, es nicht zu schaffen. Sie hat sie so sehr verinnerlicht, dass ihr Urteilsvermögen Schaden nimmt. Wäre es denn so schlimm, Ben vorübergehend in eine Pflegefamilie zu geben? Das Publikum muss sich selbst einen Reim darauf machen, ob und inwiefern sich bei Melli gesunder Menschenverstand und reflexhaftes Handeln verhaken. Indem die Wohnungsmisere, die Abhängigkeit der Menschen von ihrer Kreditwürdigkeit, die fehlenden Hilfen für in Not geratene Eltern thematisiert werden, übt der Film auch Kritik an der Gesellschaft. Aber er tut das ziemlich vage, trotz der dicken Pinselstriche, die den Verlauf der Geschichte bestimmen und sie eher als merkwürdigen Einzelfall erscheinen lassen, denn als Drama, das viele betrifft oder betreffen könnte.

Sterne über uns (2019)

In die Obdachlosigkeit gedrängt zieht die alleinerziehende Melli mit ihrem neunjährigen Sohn Ben in den Wald. Hier improvisieren sie ein notdürftig eingerichtetes Lager, abgelegen von den Wegen, damit sie niemand entdecken kann. Für Melli ist das Waldleben nur eine Notlösung für den Übergang, bis sie wieder eine Wohnung gefunden hat. Grund genug, auf Besserung zu hoffen, hat sie allemal, denn in wenigen Tagen tritt sie ihre neue Stelle als Flugbegleiterin an. Anders als Melli findet Ben das Waldleben aufregend. Das Leben unter den extremen Bedingungen zwingt die beiden noch enger zusammen, auch weil Melli und Ben stets auf der Hut sind: Niemand soll von ihrer Obdachlosigkeit erfahren, da Melli große Sorge hat, dass man ihr ansonsten den Jungen wegnimmt. Mit enormer Kraft strengt sie sich Tag für Tag an, um einen Weg aus ihrer Misere zu finden. Doch als die Wohnungssuche für sie aussichtslos und demütigend wird, als ihr das Jugendamt im Nacken sitzt und ihr Arbeitgeber zusätzlich Druck macht, ist Melli heillos überfordert. Was sie mit aller Gewalt verhindern wollte, kann sie nicht länger aufhalten: zum Wohle ihres Kindes muss sie eine schwerwiegende Entscheidung treffen … (Quelle: Filmfest München 2019)

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Meinungen
Andreas Rathke · 05.11.2019

Hab den Film auch vorab gesehen.Kenne Fälle,bei denen die im Film eindrücklich und herausragend dargestellten Situationen bereits in der Realitöt eingetreten sind..Dieser Film ist ein Appell an alle Politiker,die Wohnungsmisere energisch anzupacken und den Mietpreistreibern und Spekulanten das Handwerk zu legen.Hoch aktuelles Thema herausragend filmisch umgesetzt

Ulf Lehner · 15.07.2019

Ich habe die Weltpremiere auf dem Filmfest München gesehen und war entsetzt: Hier wurde ein wichtiges Thema vertan - während andere TV(!)-Produktionn z.B. das Thema Kindsentfremdung bzw. Gewalt an Kindern packend behandelten, das heißt Fakten und Erzählgesetzte verbanden, war hier fast 90 Minuten gähnende Langeweile: Variationen darüber, was für Probleme mit wenig Geld entstehen, wurden in immer gleichen Abläufen behandelt. Der Inhalt wäre auch in 15 Minuten als eine Art Dokumentarfilm erzählbar gewesen, dazu kam, daß die Schauspieler überhaupt nicht überzeugten, was aber wohl eher am Drehbuch oder evt. der Regie, nicht an diesen gelegen haben könnte.
Auch die allgemeine Umsetzung (Innenräume, Außenräume, Kamera usw.) erinnerten an eine low-Budget-Studentenproduktion und ließen vergessen, daß hier ZDF und Arte mit dabei waren.
Dazu zu wenig biographische Hintergründe bzw. Motivationen, die die Handlung als glaubwürdig hätten erscheinen lassen

Ein Film, der das negative Clichée vom "Kleinen Fernsehspiel", leider perfekt lebendig werden ließ. Ein Rätsel, wie solche Filme es auf ein renommiertes Festival schaffen; doch ich mußte dies in München schon oft erleben, zwei weitere deutsche Filme (MÄR und ZU ZWEIT ALLEIN) waren weitere Beispiele dafür, daß Deutschland meist das nicht kann, was Frankreich z.B. sehr gut kann: Gesellschaftliche Thema nicht als belehrend, lanngweilig, verkopfte Filme zu zeihgen, sondern als packende Dramen. Film ist Sinnlichkeit!

Kommentare

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