Stammheim

Stammheim

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Ein deutscher Prozess, mehr als ein Gerichtsverfahren

Über 192 Verhandlungstage erstreckte sich der spektakuläre Stammheim-Prozess zwischen 1975 und 1977, und bevor die gefällten Urteile rechtskräftig wurden, waren die vier Angeklagten der RAF-Spitze tot. Dieses nach wie vor unbewältigte, von etlichen Theorien und Legenden umrankte Ende von Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe besiegelte auch das Schicksal des von der Roten Armee Fraktion entführten Hanns Martin Schleyer, der daraufhin in der Geiselhaft ermordet wurde – Ereignisse und Zusammenhänge, die unter dem Schlagwort „Deutscher Herbst“ in die deutsche Geschichte eingingen. Der den Geschehnissen nachempfundene, auf original Prozess-Protokollen basierende Spielfilm Stammheim von Reinhard Hauff, zu dem der Journalist und Autor von Der Baader-Meinhof-Komplex Stefan Aust das Drehbuch verfasste, wurde 1986 bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin mit dem Goldenen Bären und dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet. Dies ändert allerdings nichts an dem Umstand, dass die Haltungen dem Film gegenüber ebenso kontrovers sind wie auch heute noch die Vorfälle der damaligen Zeiten, die Mark und Bein der noch jungen Bundesrepublik Deutschland erschütterten, diskutiert werden – ein Indiz für die weit reichende Bedeutung des Themas und die ernsthafte Auseinandersetzung damit.
Der Film beginnt mit einer dokumentarischen Szene, die mittlerweile im Zusammenhang mit der brisanten Thematik des RAF-Terrorismus geradezu berühmt geworden ist: Am Tag nach der umfangreichsten Fahndungsaktion in Deutschland überhaupt werden Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Holger Meins am 1. Juni 1972 in Frankfurt nach einem Schusswechsel mit der Polizei verhaftet. Die häufig ausgestrahlten und abgedruckten Bilder des dürren Holger Meins, nur mit einer Unterhose bekleidet abgeführt, der 1974 an den Folgen eines Hungerstreiks verstarb, und des sich sträubenden, verletzten Andreas Baader mit Sonnenbrille, von Polizisten getragen, prägten sich in das Bewusstsein der Öffentlichkeit ein.

Im Folgenden konzentriert sich der Film ganz auf den Verlauf des Strafprozesses im eigens dafür errichteten so genannten Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim gegen Ulrike Meinhof (Therese Affolter), Gudrun Ensslin (Sabine Wegner), Andreas Baader (Ulrich Tukur) und Jan-Carl Raspe (Hans Kremer), die unter anderem wegen mehrfachen Mordes angeklagt waren, flankiert von wenigen Sequenzen aus dem Haftalltag der Gefangenen, teilweise unterlegt mit Texten von Ulrike Meinhof, die am 9. Mai 1976 tot in ihrer Zelle aufgefunden wurde. Im Vordergrund stehen dabei die heftigen, aggressiven Wortgefechte zwischen den Angeklagten, ihren Anwälten und dem Vorsitzenden Richter Dr. Theodor Prinzing (Ulrich Pleitgen), die sich an den erhaltenen authentischen Dialogen orientieren, deren verbale Vehemenz und Intensität Dokumente einer derben Auseinandersetzung auch auf juristisch-politischer Ebene darstellen und den erfurchtsvollen Begriff der Rechtsstaatlichkeit in seinen Grundfesten attackieren.

Stammheim ist bei strenger, schmuckloser Dramaturgie ein dichter und spannender Film, dem es gelingt, die aufgewühlte und bedrohliche Atmosphäre jener Zeiten mit historischer Akribie zu transportieren, ohne eindeutige Antworten auf die diffizilen Fragestellungen zu liefern, die bis heute diesen Komplex beherrschen. Die Darsteller agieren mit überzeugender Präzision und Emphase, und wenn die Gerichtsverhandlung bei Zeiten den Eindruck einer groben Farce erweckt, so handelt es sich nicht um eine fiktive Überzeichnung, sondern um die Rekonstruktion der damaligen Begebenheiten und Befindlichkeiten, denen auch über dreißig Jahre danach noch bei all ihrer Tragik und ihren todernsten Konsequenzen ein kräftiger Hauch von Absurdität anhaftet.

Stammheim

Über 192 Verhandlungstage erstreckte sich der spektakuläre Stammheim-Prozess zwischen 1975 und 1977, und bevor die gefällten Urteile rechtskräftig wurden, waren die vier Angeklagten der RAF-Spitze tot.
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