St. Vincent

St. Vincent

Eine Filmkritik von Laurenz Werter

Ganz und gar kein Heiliger

Es gibt die Art Kino, die sich zwar behaupteter (und mit Inbrunst vorgetragener) Probleme annimmt, die aber eigentlich nie einen Zweifel daran lässt, dass am Ende alles gut wird. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es auch noch nicht das Ende, wie man schon im Best Exotic Marigold Hotel wusste. Bei St. Vincent endet man auch erst, wenn alles gut ist. Selbst der Nachspann unterstreicht dies noch, mit einem gute Laune versprühenden Bill Murray, der die Rolle des heiligen Vincent scheinbar gar nicht mehr loslassen will.
Dabei ist Vincent alles andere als ein Heiliger. Er ist ein alter Griesgram, der in einem heruntergekommenen Haus mit totem Rasen vor der Tür lebt, der für niemanden ein freundliches Wort übrig hat, der schimpft und zetert, als gäbe es kein Morgen. Kurz: Ein Mensch, den man eigentlich nicht kennen möchte. Aber die Nachbarin Maggie hat keine Wahl, denn irgendwie freundet sich ihr Sohn Oliver mit dem alten Griesgram an, auch wenn der sich das als Babysitter fürstlich entlohnen lässt. Es könnte also alles so schön und gut sein, wenn das Schicksal nicht anderes vorhätte. Maggie kämpft um das Sorgerecht für ihren Sohn und Vincent schon bald mit den Auswirkungen eines Schlaganfalls.

Wer nun glaubt, Bill Murray hätte hier die Gelegenheit, ein Behindertenporträt abzuliefern und sich so für die Oscars zu empfehlen, der irrt – zumindest ein bisschen. Denn die Episode mit seinem Schlaganfall und dem Weg zurück ins Leben gerät ausgesprochen kurz. Sie erscheint darum auch wie ein Fremdkörper im Film, wie eine Prüfung, die sich nicht das Leben, sondern der Drehbuchautor ausgedacht hat. Sicher, das gibt es alles im echten Leben, aber St. Vincent verströmt den Odem des Irrealen. Das liegt wohl auch daran, dass er in kürzester Zeit wieder auf den Beinen ist.

Das ist eine der eklatanten Schwächen des Films, der seinen Figuren nie weh tun will. Ja, er sorgt für große Probleme, aber sie alle lösen sich im Grunde in Wohlgefallen auf. Warum? Weil Wohlfühlkino das benötigt. Ein schöner Film, der muss das Herz erwärmen, der muss positiv sein, der muss ein Lebensgefühl transportieren. Was da nur stört, wäre die Unbilden des Lebens, die hier zwar vorhanden ist, aber nonchalant zur Seite gefegt wird. Dabei gibt es Momente echten Tiefgangs, wenn der Zuschauer – nicht jedoch die Menschen in seiner Umgebung – einen Einblick in das zerrüttete Dasein des Mannes erhalten, wenn sie sehen, wie er strampelt, um seiner an Alzheimer erkrankten Frau einen guten Heimplatz bezahlen zu können, wenn man ihn beim Scheitern betrachtet. Aber auch das kommt mit einer Leichtigkeit daher, die dem Stoff nicht unbedingt angemessen ist.

Sie ist es aber, die St. Vincent zum wohligen Film werden lässt. Natürlich ist er absolut manipulativ, aber das weiß man. Im Grunde will man das sogar. 100 Minuten geschöntes Leben, das braucht man manchmal auch.

St. Vincent

Es gibt die Art Kino, die sich zwar behaupteter (und mit Inbrunst vorgetragener) Probleme annimmt, die aber eigentlich nie einen Zweifel daran lässt, dass am Ende alles gut wird. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es auch noch nicht das Ende, wie man schon im "Best Exotic Marigold Hotel" wusste. Bei "St. Vincent" endet man auch erst, wenn alles gut ist.
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