Sprache: Sex

Sprache: Sex

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

"Let's talk about..."

Let's talk about sex, baby – nein: ein verspieltes Herumeiern, eine verquaste Kulturanalyse bietet der essayistische Interviewfilm von Saskia Walker und Ralf Hechelmann nicht. 16 Personen werden interviewt über ihre ganz persönlichen Ansichten über Sexualität, damit auch über Liebe, Scham, Körper und Konventionen. 16 Personen und sechzehn Meinungen, die die Regisseure dem Zuschauer vorsetzen, zur eigenen weiteren Auseinandersetzung. 16 Personen zwischen 13 und 74 Jahren, die mehr oder weniger, öfter oder seltener, mono- oder polygam Sex haben, sich wünschen oder auch gar nicht vorstellen können.
Sex ist überall, und Sex ist ganz privat: aus dieser Spannung enthält der Film seine Basis. Warum und wozu; wann und wie; was und wer: Sex stellt Fragen, die normalerweise allenfalls im intimen Rahmen, und dann kaum ausführlich und erschöpfend, beantwortet werden. Sprache: Sex geht diesen Fragen nach, insbesondere aber auch der Tatsache, warum und wozu, wann und wie, was und von wem diese Fragen überhaupt gestellt werden. Antworten, zumindest wirklich gültige, kann es nicht geben, nur Ansichten, subjektiv und persönlich.

Dass es gelungen ist, bei den Interviewpartnern in diesen ganz persönlichen Bereich vorzudringen und ihn diskursiv zu bändigen, ist eine große Leistung. Wir bekommen kulturanthropologische Anflüge ebenso mit wie ganz intime Beispiele, Augustinus und Luther, Rilke und Visconti werden zitiert, und dabei lassen sich die Interviewpartner ganz privat auf diesen Film, auf dieses Thema ein. Dass die Auswahl der Befragten so gut gelungen ist, ist ebenfalls ein starkes Plus: Wir begegnen einem 13-jährigen, der noch nicht mal Erfahrungen mit dem Verliebtsein gesammelt hat, ebenso wie einem charmanten Womanizer; einem Maler wie einem Filmemacher; und auf interessante Weise lernt der Zuschauer die Protagonisten mit der Zeit immer besser wieder. Zumal sich durch die geschickte Montage die Aussagen unterstützend oder widersprechend immer wieder aufeinander beziehen.

Da haben wir den Maler, der in Strichzeichnungen menschliche Körper aufeinanderlegt, gerne mit Pimmel, Muschis und Brüsten, selbst aber seit sechs Jahren enthaltsam lebt. Wir haben einen Regisseur, der dem einen oder der anderen Interessierten am deutschen Kino bekannt sein dürfte, der sich ebenfalls für einige Zeit, wenn auch schmerzlich, Zurückhaltung vorstellen könnte – kommt hier unterschwellig der Freudsche Triebverzicht als Voraussetzung von Kulturleistung ins Spiel? Während einer über das Zusammenleben mit Frauen klagt, erzählt ein anderer im Beisein seiner Lebensgefährtin von seinen zahlreichen Kurzzeit-Erfahrungen; und von seinem inzwischen aufgetretenen Kinderwunsch. Eine junge Frau hatte sich als Single gar einmal bei einer Sex-Dating-Plattform angemeldet und lebt inzwischen in einer Beziehung, die zwischenmenschlich großartig ist – bloß, dass der Partner mit Sex alle zwei, drei Wochen zufrieden ist. Eine andere scheut sich vor ihrer Körperlichkeit, musste sich als Single immer wieder zur Masturbation zwingen, um sich selbst zu erinnern, das in diesem Bereich auch etwas geht, und hat mit ihrem Partner moralische und anatomische Manschetten, weil der so gut bestückt sei. Und der 13-jährige äußert eine gar nicht so dumme Philosophie eines Punktesystems, nach dem man sich in eine Frau verlieben muss: In den Bereichen Aussehen und Charakter sei jeweils mindestens eine 8 nötig – wobei ein Charakter von 10 oder 11 sich auch auf eine Verbesserung auf der Aussehen-Skala auswirken könne.

Der Film ist laut den Regisseuren "der erste Teil einer umfassenden filmischen Auseinandersetzung mit unserer eigenen Lebenswirklichkeit als Filmemacher und Liebespaar" – in der Tat dürfen weitere solch klugen, lebensweisen, unterhaltsamen und (intellektuell) anregenden Filme gerne folgen.

Sprache: Sex

Let’s talk about sex, baby – nein: ein verspieltes Herumeiern, eine verquaste Kulturanalyse bietet der essayistische Interviewfilm von Saskia Walker und Ralf Hechelmann nicht. 16 Personen werden interviewt über ihre ganz persönlichen Ansichten über Sexualität, damit auch über Liebe, Scham, Körper und Konventionen. 16 Personen und 16 Meinungen, die die Regisseure dem Zuschauer vorsetzen, zur eigenen weiteren Auseinandersetzung.
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