Sparrow

Sparrow

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Das Ballett der Diebe

In der Umgangssprache Hongkongs bezeichnet man mit dem Wort Spatz einen Taschendieb, der flink wie eben jener kleine Vogel ist und quasi im Vorübergehen seine Coups landet. In Johnnie Tos wundervoll leichter, leichtfüßiger und eleganter Gaunerkomödie Sparrow / Man Jeuk sind es sogar vier „Spatzen“, von denen die Geschichte handelt: Kei (Simon Yam) ist der Anführer einer Bande, die alle Diebstähle nach einem genau ausgeklügelten System und mit eingeübten Winkelzügen durchführt – ein streng durchkomponiertes und doch spielerisch leichtes Ballett der Fingerfertigkeit. Und genauso leicht, wie die Raubzüge der Bande sich gestalten, so leicht nehmen sie auch das Leben. Bis Kei eines Tages auf eine geheimnisvolle Frau trifft, die wunderschöne Chun Lei (Kelly Lin). Was er freilich nicht ahnt: Chun Lei bandelt am selben Tage auch mit seinen drei Komplizen an, und als sie sich am nächsten Tag wieder in ihrer Stammkneipe treffen, trägt jeder einen dicken Verband an einem anderen Körperteil, denn die Verfolger Chun Leis haben jeden einzelnen der „Spatzen“ übel zugerichtet. Humpelnd, mit verbundener Hand und dick bandagiertem Kopf macht sich die „Viererbande“ auf die Suche nach der Urheberin der reichlich bezogenen Prügel und tatsächlich gelingt es, Chun Lei ausfindig zu machen. Wie sich nun herausstellt, ist sie die Geliebte des reichen und mächtigen Mr. Fu und will diesen verlassen. Doch solange sie nicht an ihren Pass herankommt, der in Fus Tresor eingeschlossen ist, sitzt sie in der Falle wie ein eingesperrter Spatz in einem Käfig. Selbstverständlich sind die Mannen um Kei gerne bereit, der schönen Frau zu helfen, doch Mr. Fu erweist sich ebenfalls als Meister der Fingerfertigkeit, so dass nun ein Wettstreit der Ganoven beginnt, der mit allen Tricks ausgetragen wird…
Johnnie To, der derzeit wohl bedeutendste Regisseur Hongkongs, hat mit seinem Wettbewerbsbeitrag Sparrow / Man Jeuk dem Rennen um den Goldenen Bären einen ganz neuen Akzent verliehen. Nach schweren Dramen und ernsten Themen ist sein Film eine federleichte, äußerst elegante und stilistisch perfekte Ode an die Leichtigkeit des Seins und des Filmens, die mindestens ebenso virtuos durchdacht und ausgeführt ist wie die Diebstähle der sympathischen Taschendiebe. Unterlegt von einem leicht swingenden Easy-Listening Score ist sein Gaunerfilm eine liebenswürdige Hommage an die früheren Tage des Kinos, an französische Ganovenkomödien der fünfziger Jahre, an die Musicals aus Hollywood, ein modernes und zugleich liebenswert altmodisches Spektakel, das es sich leisten kann, vollkommen auf Gewalt zu verzichten, weil es zu einem fulminanten Showdown manchmal im Kino nicht mehr braucht als eine Straße, eine Armee von Regenschirmen und einige Taschendiebe, die ihr Handwerk verstehen.

Johnnie To versteht es mit Sparrow / Man Jeuk, den Kinobesuchern 87 Minuten reiner Freude und puren Vergnügens zu schenken. Möglicherweise ist sein Film für den Regisseur nicht viel mehr als eine Übung, eine Vorbereitung für eine seiner nächsten Kinoopern. Doch wer selbst in einem vermeintlich kleinen Film so viel Ideen, Eleganz und Leichtigkeit einstreuen kann, der darf wahrhaft als einer der großen Meister des Kinos gelten.

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In der Umgangssprache Hongkongs bezeichnet man mit dem Wort Spatz einen Taschendieb, der flink wie eben jener kleine Vogel ist und quasi im Vorübergehen seine Coups landet.
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