Space is the Place

Space is the Place

Eine Filmkritik von Katrin Doerksen

Kein Platz in dieser Gesellschaft

„What is the power of your machine?“ fragt ein staunender Reporter den merkwürdigen Mann im antik-ägyptischen Ornat. „Music“, lautet die simple Antwort. Oder in diesem Fall generell Ton und Bild. Sun Ra spricht ganz ruhig. Einsilbig zwar, aber nicht knapp oder arrogant. Eher warm, leicht zugänglich. Ra ist der niedrigschwellige Botschafter einer Philosophie, die heute durch Künstlerinnen wie Erykah Badu oder Janelle Monáe, manchmal auch durch Beyoncé und Rihanna, stärker in den Mainstream drängt als je zuvor: Afrofuturism. Die Auffassung, dass das Leben für einen Schwarzen auf der Erde nur erträglich sein kann, wenn er sich selbst in dieser Welt als Alien betrachtet. Space is the Place wurde 2003 zu seinem dreißigsten Geburtstag auf DVD neu aufgelegt. Rapid Eye Movies hat die originale (und wahrscheinlich auch einzig erhaltene) 35mm-Kopie abgetastet und den Film so vor dem Verfall bewahrt.
Übersetzt in konventionelle Filmgenres bedeutete Afrofuturism wahrscheinlich: Science-Fiction meets Blaxploitation. Filmemacher wie Quentin Tarantino bezeichnen Space is the Place als bedeutenden Einfluss, als Schlüsselmoment des Subgenres. Eigentlich transzendiert das Werk von Regisseur John Coney aber alle klassischen Genrekategorien, illustriert eher Sun Ras umtriebigen Geist, seine aus dem freien Fluss heraus zur Agenda kanalisierten Gedankenströme. Oder greifbarer: die Seminare, die er Anfang der 1970er Jahre unter dem Titel „The Black Man In The Cosmos" in Berkeley hielt.

Sun Ra, Free Jazz-Komponist, Leiter der bis heute aktiven Band The Arkestra. Der als Herman Poole Blount in Alabama geborene Musiker verleugnete irgendwann seine Herkunft und verkündete, er sei als Außerirdischer vom Saturn auf die Erde gekommen. Dank einer Vision habe er als junger Mann seine wahre Bestimmung erkannt und sofort das Studium geschmissen. Space is the Place zehrt von dieser außergewöhnlichen Biografie und erzählt die Geschichte eines seit seiner großen Europatournee als verschollen geltenden Musikers. Eines sonnigen Tages im Jahre 1972 kehrt er im glitzernden Umhang und einem Raumschiff von der Form eines blutunterlaufenen Augenpaares zurück und verspricht, alle auf der Erde lebenden Schwarzen zu erlösen. Ras neue Heimat soll ihre Rettung werden, ein von dichtem Dschungel überzogener Paradiesplanet, auf dem kein einziger Weißer lebt.

Als schwarzer Messias spielt Sun Ra in einem Kartenduell gegen den sogenannten Overseer (Raymond Johnson) um das Schicksal der Schwarzen. Er ist ein Pimp im weißen Aufschneideranzug, Repräsentant einer Quoten-Marionette des kaukasischen Machtgefüges. Wie Satan höchstselbst bietet er Sun Ra am Kartentisch mitten in der Wüste Annehmlichkeiten, Reichtümer, Mädchen. Ra widersteht der Versuchung und jede gezogene Karte wird zu einer Vignette, zu einem Blick hinein in diese Geschichte biblischen Ausmaßes. Der Equal Employment Opportunity Act war 1972 zwar schon unterschrieben und verbat Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, Religion und Geschlecht. Mit der Lebenswirklichkeit der schwarzen Teenager, mit denen Sun Ra als Missionar in einem Jugendzentrum in Oakland spricht, hat er aber noch wenig zu tun. Sie werden zu Ras ersten Jüngern und wenn er ihnen sein Programm erklärt, klingen die Dialogzeilen wie direkt aus dem Seminar übernommen: „Ihr seid nicht echt – ihr habt keinen Platz in dieser Gesellschaft. Schwarze sind ein Mythos.“ Wie ein kämpferisches Pamphlet für politische Veränderung, wie ein Ruf nach Vergeltung fühlt sich Space is the Place trotzdem vorerst nicht an. Mehr wie ein Plädoyer für die sanft wirksame Kraft von Kunst und Musik, die nach und nach das mindset der Gesellschaft verändern soll.

Aber Space is the Place hat auch Punch, hat mehr zu bieten als hippieske Gute-Willens-Bekundungen. Tatsächlich sind Sun Ras Ideen visuelle und akustische Herausforderungen. Das Arkestra, das mit seinem Free Jazz regelmäßig den ohnehin schon erratisch sprunghaften Erzählfluss unterbricht, irritiert durch Dissonanzen, unzählige Wiederholungen der immer und immer gleichen Textzeile. Der Look des Films ist eine Hommage an die B-Movie-Ästhetik der 1950er und 1960er Jahre. Das Innere des Raumschiffs, in dem Sun Ra Telefonate entgegennimmt und Bewerbungsgespräche führt, zeugt von einer Affinität zum detailverliebten Pappmaché-DIY, wie man sie heute höchstens noch bei Selbstausbeutern wie Wenzel Storch findet. In einer Bar, in der Ra als Sonny Ray am Klavier sitzt, durch sein avantgardistisches Spiel überhaupt erst die Aufmerksamkeit des Overseers auf sich zieht, eskaliert der Abend vollends in einer razzia-ähnlichen Sequenz, Gäste flüchten in Panik durch den aufsteigenden Rauch. Später leiten zwei ausgeflippte NASA-Mitarbeiter mit dem Vorhaben, das „afrikanische Raumfahrtprogramm“ zu stoppen, einen Entführungsplot ein. Sun Ra bleibt so ruhig wie eh und je: wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Als das Raumschiff mit ihm und seinen Jüngern schließlich in Richtung Paradies aufbricht, vernichtet ein großer Knall die Existenz der Erde.

Space is the Place

„What is the power of your machine?“ fragt ein staunender Reporter den merkwürdigen Mann im antik-ägyptischen Ornat. „Music“, lautet die simple Antwort. Oder in diesem Fall generell Ton und Bild. Sun Ra spricht ganz ruhig. Einsilbig zwar, aber nicht knapp oder arrogant. Eher warm, leicht zugänglich. Ra ist der niedrigschwellige Botschafter einer Philosophie, die heute durch Künstlerinnen wie Erykah Badu oder Janelle Monáe, manchmal auch durch Beyoncé und Rihanna, stärker in den Mainstream drängt als je zuvor: "Afrofuturism".
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FSK
12
Regie

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81 Min
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