Sonnwende

Sonnwende

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Wenn die Seele rebelliert

Anja (Roxane Duran) ist eine ganz normale junge Frau, die kurz vor ihrem Abitur steht – bis der Unfall passiert, der ihr ganzes Leben verändern wird. Auf dem Nachhauseweg von einer nächtlichen Party an einem Baggersee wird sie von einem Auto angefahren und dabei auf den ersten Blick nur leicht verletzt. Dennoch ist sie danach nicht mehr dieselbe, die sie vorher war. Irgendetwas scheint sich in ihrem Inneren gelöst zu haben, das sie nun nicht mehr zur Ruhe kommen lässt, Erinnerungsfetzen drängen sich ihr ins Gedächtnis, zunehmend beginnt sie sich merkwürdig zu verhalten, wird nervös und fahrig, schottet sich immer mehr von ihrer Umwelt ab, lässt alle Hilfsangebote ihrer Eltern (Christine Kättner, Piet Fuchs) und ihrer Freunde an sich abprallen und scheitert schließlich sogar an ihren letzten Prüfungen zum Abitur.
Schnell ahnt man als Zuschauer, dass das, woran das Mädchen leidet, ein Posttraumatisches Stresssyndrom ist – und etwas schleichender stellt sich das Gefühl ein, dass sich hinter dieser heftigen psychischen Reaktion womöglich noch weitaus mehr an Verdrängtem und Nichtverarbeitetem verbirgt. Doch für Anja ist dieser Prozess des Erkennens ein äußerst schmerzhafter Weg. Erst als ihre Eltern für ein paar Tage verreisen, kommt sie dahinter, was sich wirklich hinter ihren Reaktionen verbirgt.

Es ist vor allem Roxane Durans ausdrucksvollem Spiel zu verdanken, dass der Zuschauer dem seelischen Martyrium seiner Hauptperson bis hin zur nicht ganz überraschenden und letztlich auch ein wenig enttäuschenden Auflösung der Ursachen gerne folgt. Und es sind vor allem ihre kleinen Gesten, ihre Mischung aus jugendlichem Trotz und großer Verletzlichkeit, ihre Augen, die ihren Schmerz spürbar machen. So sind vor allem die Szenen überaus beeindruckend, in denen sie das unvermutete Straucheln und die plötzlich auftretende Verwirrung, ihre Orientierungs- und Hilflosigkeit, ihren Rückzug in sich selbst mit großer Bravour und minimalen Gesten spielt.

Die junge Schauspielerin, die bereits in Michael Hanekes Das weiße Band und an der Seite von Mads Mikkelsen in Arnaud des Paillières' Michael Kohlhaas zu sehen war, hilft dem Film letztendlich über die dramaturgischen Schwächen hinweg, die finale Enttäuschung über die Auflösung mag aber auch sie nicht verdecken. Zudem bleibt ein gewisses Misstrauen gegenüber der zeitlichen Verortung des Filmes bestehen – so richtig mögen die Zeitpunkte Sommersonnwende, die der Titel andeutet, mündliche Abiturprüfungen und der Reifegrad des Getreides nicht zusammenpassen. Vielleicht ließe sich diese Diskrepanz ja schlüssig erklären, doch es bleibt das Gefühl, dass hier getrickst wurde, um das Ganze ein wenig passender zu machen. Am Ende überwiegt der Eindruck, dass diese mangelnde Sorgfalt in den Details möglicherweise in ähnlichem Ausmaß auch für das Drehbuch gilt, aus dem sicherlich mehr zu machen gewesen wäre.

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Anja (Roxane Duran) ist eine ganz normale junge Frau, die kurz vor ihrem Abitur steht – bis der Unfall passiert, der ihr ganzes Leben verändern wird. Auf dem Nachhauseweg von einer nächtlichen Party an einem Baggersee wird sie von einem Auto angefahren und dabei auf den ersten Blick nur leicht verletzt.
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