Songs My Brothers Taught Me

Songs My Brothers Taught Me

Eine Filmkritik von Stephan Langer

„Rez Life“: Jesus, Alkohol & Rodeo

„Anything that runs wild has got something bad in them. You want to leave some of that in there, because they need it to survive,“ sagt Johnny (John Reddy) melancholisch aus dem Off, während er ein Pferd in einer kargen Steppengraslandschaft zureitet. Im kühlem Licht des kurzen, atmosphärischen Prologs von Songs My Brothers Taught Me von Chloé Zhao ist schlaglichtartig alles schon angelegt, um das der Film über das Leben der amerikanischen Ureinwohner der Lakota melancholisch kreisen wird, weniger linear narrativ erzählt als vielmehr in Stimmungen oszillierend. Es geht dabei immer um Elementares: um Tiere und Menschen, um die Natur (des Menschen), die gebändigt werden will, es geht um soziale Abhängigkeiten und eine Verwurzelung innerhalb einer kulturellen Umgebung, von der man nicht immer unbedingt loskommen müsste, manchmal aber von einem Ausbruch träumt. Und bei allem stets dabei als Begleiter: der Alkohol, mit dem schwarz gehandelt wird, der in alten Plastiktüten und Pappverpackungen von einer Hand in die nächste wandert, der es Johnny ermöglicht wenigstens ein bisschen Geld nebenbei zu verdienen, um sich Freiheiten wie ein eigenes Auto leisten zu können.
Gerade aber jenes Auto ist für Johnny Ausbruchsmöglichkeit und Fessel in einem: mit ihm will er seine Freundin nach Los Angeles begleiten, wo sie aufs College gehen wird. Gleichzeitig ist es aber das alte Auto seines gerade verstorbenen Vaters, das der einmal bei einer Pferdewette verloren hat. Das, mit dem er ausbrechen will, hält ihn damit immer innerhalb der eigenen familiären Struktur gefangen, egal wohin er damit auch gehen sollte. Das Versprechen einer Freiheit lässt sich in Songs My Brothers Taught Me scheinbar nur durch illegalisierte Arbeit realisieren, nämlich durch Dealen mit Alkohol und Drogen, was alle Beteiligten nur noch tiefer in Abhängigkeiten und Machtkämpfe verstrickt. Geborgenheit und Solidarität finden Johnny und seine jüngere Schwester Jashaun (Jashaun St. John) allenfalls bei sich selbst als kleinster familiärer Struktur, die zusammenhält, doch auch wieder gefährdet ist, weil Johnny ja unbedingt weg möchte. Andere greifen auf ihrer Suche nach Orientierung und Hoffnung auf Jesus zurück, die indigene Community selbst kann kaum Halt bieten: dort ist jede/r auf sich und sein eigenes Weiterkommen gestellt, anstatt sich als gemeinsam an den gesellschaftlichen Rand gedrängte Minderheit Gehör zu verschaffen. Leider entpuppt sich das „Rez Life“, das Leben auf dem Reservat, in Realität nicht „as honest as a horse between my knees“, wie es ein Rodeo-Spruch besagt.

Was im Verlauf Songs My Brothers Taught Me davor bewahrt in kulturkritischen Pessimismus abzudriften, ist die Perspektive und die empathische Nähe zu den Figuren. Die wird schon dadurch erzeugt, dass viele der Figuren ihre ersten Schauspielerfahrungen sammeln und eine fiktionalisierte Version des eigenen Lebens spielen. Eines Lebens, das immer innerhalb der Grenzen des Reservats stattgefunden hat und damit glaubwürdig ist. Der Film ist das Ergebnis eines vierjährigen Aufenthaltes der Regisseurin eben dort in South Dakota, und etabliert dadurch einen Blickwinkel und eine Kraft, die sich von innerhalb einer sozialen Struktur auf Menschen bezieht und ihr Leben schildert. Viele reale Situationen sind in den Drehalltag und die Geschichte des Films eingefügt worden. Wenn das Leben in solch einer Mischung aus Realität und Fiktion das Drehbuch mitbestimmt, trägt einen eine daraus resultierende Authentizität des Films über die ein oder andere erzählerische Schwäche oder spielerische Eintönigkeit hinweg. Das Porträt der beiden Geschwister Johnny und Jashaun ist trotz (oder gerade wegen) seiner Improvisiertheit der äußeren Situation der beiden angemessen. Er ist der wortkarge Einsilbige, der einen Haufen Probleme mit sich herumträgt, sie ist die ausgleichende Kraft mit ihrer Neugier und ihren großen, optimistischen Augen.

Laut ihres Anführers Crazy Horse ist es die siebte indigene Generation, die es schaffen kann, sagt Johnny an einer Stelle. Das wäre dann die Generation von ihm und seiner Schwester. Die Frage bleibt aber, was denn mit „schaffen“ gemeint ist und was überhaupt zu schaffen wäre: ob man einen Ort, an dem man sich sozial oder familiär verortet und der einem dadurch Halt gibt, unbedingt verlassen sollte, auch wenn es wie geschildert ein sehr problematisches und isoliertes Leben an diesem Ort ist. Was wiegt mehr – kulturelle Wurzeln oder der Drang nach Veränderung im Neuen? Wie wäre es möglich den einzigen Platz verlassen, den man jemals wirklich gekannt hat?

Glücklicherweise maßt sich Songs My Brothers Taught Me nicht an, auf solch elementare Fragen ebenso gewichtige Antworten zu geben. Statt dessen umkreist Regisseurin Zhao entsprechende Thematiken in verschiedenen Konstellationen und Variationen (wenn man unbedingt will: in einer Art Liedstruktur) immer wieder neu, um in letzter Konsequenz beim Wind anzukommen und dort – mit den letzten Worten des Films – in einem Zustand von aktiver Selbstbestimmung innerhalb eines schicksalhaften Ausgeliefertseins zu enden: „We have learned that when the wind is too strong: lean into it so that it doesn't blow us away.“

Songs My Brothers Taught Me

„Anything that runs wild has got something bad in them. You want to leave some of that in there, because they need it to survive,“ sagt Johnny (John Reddy) melancholisch aus dem Off, während er ein Pferd in einer kargen Steppengraslandschaft zureitet. Im kühlem Licht des kurzen, atmosphärischen Prologs von "Songs My Brothers Taught Me" von Chloé Zhao ist schlaglichtartig alles schon angelegt, um das der Film über das Leben der amerikanischen Ureinwohner der Lakota melancholisch kreisen wird, weniger linear narrativ erzählt als vielmehr in Stimmungen oszillierend.
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