Solo für Sanije

Solo für Sanije

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Ein widerständiges Leben

Solo Sunny ist ohne Frage einer der legendärsten Filme aus dem mittlerweile untergegangenen Filmland DDR. Und er markiert den furiosen Schlusspunkt der bemerkenswerten Karriere von Konrad Wolf, der zwei Jahre nach der Vollendung des Films im Alter von 56 Jahren starb. Auf der Berlinale 1980 wurde der Film, bei dem übrigens der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase (Sommer vorm Balkon) gemeinsam mit Konrad Wolf Regie führte mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet, die Hauptdarstellerin Renate Krößner erhielt zudem den Silbernen Bären als beste Schauspielerin. Auch im Ausland stieß der Film über eine widerständige Frau auf großes Interesse und wurde unter anderem beim Filmfestival von Chicago mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Im Schatten dieser Erfolge stehen allerdings bis heute die Hintergründe zu diesem Meisterwerk, die realen Vorbilder, die sich dahinter verbergen. In Solo für Sanije – Die wahre Geschichte der „Solo Sunny“ enthüllt Alexandra Czok die Story hinter dem Film und stößt dabei auf die Sängerin Sanije Torka, die dem Drehbuchautor als Vorlage für seine Sunny diente. Ein Leben, das ebenso fasziniert wie der berühmte und auch heute noch absolut sehenswerte Film.
Dass Sanije Torka das Vorbild für Solo Sunny war, das ahnten damals, als der Film erschien, allenfalls Eingeweihte. Im Jahre 1976 hatte die Journalistin Jutta Voigt ein ausführliches Interview mit der eigensinnigen Sängerin geführt, das nicht veröffentlicht werden durfte. Und so wurde die Journalistin im Vorspann möglichst unverfänglich als „Beratung“ aufgeführt, der Interviewten selbst hingegen wurde diese Ehre nicht zuteil. „Sanije war all das, was man in der DDR nicht sein sollte: hemmungslos, wild, ungebärdig. Sie war die Film-Sunny hoch drei….“, so bringt es Jutta Voigt auf den Punkt. „Ich fand, dass auch Sanijes Name hinein gehört hätte“, bedauert sie weiter. „Doch durfte so eine Figur, besonders als authentische Person, nicht öffentlich werden.“ Das Publikum aber stimmte mit den Füßen ab und machte Solo Sunny zu einem der bestbesuchten Filme der DDR. Und wer Sanije kannte, wusste genau, nach welchem Vorbild Kohlhaase seine Figur der Sunny geformt hatte. Was der realen Sanije nicht nur Freunde einbrachte.

Sanije, die offensichtlich der Verbindung zweier Gastarbeiter von der Krim entstammt, wird von ihren leiblichen Eltern ausgesetzt und wächst bei Pflegeeltern und in einem Kinderheim auf. Dort lernt sie die von oben verordnete „Einordnung in das Kollektiv“ kennen. Zuerst sind es die Erzieher, dann ist es der Staat, der ihr vorschreiben will, was sie zu tun und zu lassen hat. Doch Sanije hat ihre eigenen Vorstellungen vom Glück. Und anders als viele andere zu dieser Zeit versucht sie, diese gegen alle Widerstände durchzusetzen.

Nach einer (abgebrochenen) Lehre wird sie zunächst Filmschauspielerin (wenngleich ihr erster Auftritt in dem Dokumentarfilm Notwendige Lehrjahre über ein Kinderheim eher ein unfreiwilliger war), dann Sängerin und genießt das vergleichsweise freie Leben einer Künstlerin, der die Welt – zumindest deren östlicher Teil – offen steht. Tourneen führen sie ins benachbarte Ausland, nach Polen und Russland. Privilegien, die längst nich alle ihrer Landsleute genießen. Doch die Schlager, die sie singt, kommen ihr falsch vor, fühlen sich unecht an und korrespondieren nur wenig mit ihrem Temperament und ihrem unbändigen Freiheitswillen. „Du solltest Rock `n` Roll singen“, rät ihr einmal ein Musiker in Polen.

Doch statt den Rock `n` Roll zu singen, lebt sie ihn lieber: Liebschaften und gescheiterte Ehen, Alkohol, Tabletten, immer wieder Depressionen und diverse kleine und größere Diebstähle geben ihr den Kick, den sie sucht, sind ihr Ausbruch aus der „miefigen, kleinen Welt“ der DDR. Bald schon werden diese kleinen Fluchten nicht mehr ausreichen, Sanije plant einen größeren Coup. Doch der misslingt ebenso wie manches andere in ihrem Leben.

Nach ihrer versuchten Republikflucht im Jahre 1965 landet Sanije im Gefängnis und wird vom Ministerium für Staatssicherheit als IM angeworben. Doch auch die Herren von der Stasi merken bald schon, dass Sanije Torka keine nützliche Quelle ist. Die Informationen, die sie liefert, sind belanglos, ihre Stellung in der Künstlerszene Ost-Berlins zu unbedeutend, um wirklich belastendes Material zu liefern. Auch macht die Sängerin schnell klar, dass sie gegen Menschen, die ihr nahe stehen oder die sie gerne mag, nicht Nachteiliges sagen wird. Weitere Versuche, die exotische Schönheit für den Dienst am sozialistischen Vaterland einzuspannen, scheitern ebenso kläglich. An einem Abend, bei dem sie als Spitzel in einem Hotel für Westler eingesetzt werden soll, betrinkt sie sich gepflegt und stiefelt alleine nach Hause. 1985 schließlich hat die Stasi ein Einsehen und entlässt die Sängerin aus der Verpflichtung.

Nach der Wiedervereinigung und der Arbeitslosigkeit Sanijes professionalisiert sie ihre Beutezüge durch die Läden und Kaufhäuser immer weiter, benutzt wie eine Meisterdiebin Perücken und andere Hilfsmittel. Was als Suche nach dem Kick begann, ist längst zu einer Sucht geworden, zu einem Mittel, um sich in ihrem unsteten Leben ein klein wenig Glück zu verschaffen und die Beute zu verteilen. Und so war es nur eine Frage der Zeit, dass Sanije Troka, die Frau, die einmal die Muse vieler DDR-Künstler war, wieder im Gefängnis landete.

Die Filmemacherin Alexandra Czok hat sich viel Zeit genommen für die Geschichte der Sanije Torka. Und sie hat es geschafft, dass diese Vertrauen zu ihr fasste. In ausführlichen Gesprächen, die von kleinen Impressionen des Gefängnisalltags der Sängerin unterbrochen werden, kommen wir so einem Leben auf die Spur, das zur Inspiration für einen berühmten Film wurde. Und es wäre durchaus von großem Reiz, sich diesen Film heute noch einmal anzuschauen, nachdem wir wissen, welche reale Geschichte sich dahinter verbirgt. Nach 79 Minuten ist dieser Film bereits zu Ende. Und man verlässt das Kino mit dem Gefühl, dass längst noch nicht alle Geschichten aus dem Leben Sanijes erzählt sind, dass vieles Interessante lediglich angerissen wurde. Wie überhaupt die filmische Aufarbeitung so vieler Biographien und Geschichten aus dem untergegangenen Land namens DDR noch aussteht.

Solo für Sanije

Solo Sunny ist ohne Frage einer der legendärsten Filme aus dem mittlerweile untergegangenen Filmland DDR. Und er markiert den furiosen Schlusspunkt der bemerkenswerten Karriere von Konrad Wolf, der zwei Jahre nach der Vollendung des Films im Alter von 56 Jahren starb.
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Meinungen
mücke · 02.11.2014

Diesen Film kannst Du bei der Super Illu erwerben.

Christiane Bratanow · 11.03.2014

Der Film Solo für Sanjie hat mich sehr berührt,gerne würde ich ihn als DVD erwerben.Wie wäre das möglich?
Mit freundlichen Grüßen
Christiane Bratanow

christiane.bratanow@t-online.de

Kommentare

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