Söhne

Söhne

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Verlorene, wiedergefundene und vermeintliche Brüder

Über sechzig Jahre alt sind sie mittlerweile, die fünf Söhne der Familie Paetzold, nun überwiegend in Deutschland beheimatet und ursprünglich aus der Region Westpreußen stammend. Gemeinsam mit ungezählten anderen Vertretern ihrer Generation ist ihnen das Schicksal, ein so genanntes Kriegskind gewesen zu sein, das in den Wirren des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit für eine schmerzlich lange Weile oder gar für immer von seiner Familie getrennt wurde. Eine traumatisierende Erfahrung, die die Identität ganz entscheidend prägt und auch im reifen Erwachsenenalter noch von großer Bedeutung ist, selbst wenn die Lebenswege inzwischen recht günstig verlaufen sind.
Volker Koepp, versierter Dokumentarfilmer und ebenso passionierter wie genauer Beobachter vor allem der polnisch-deutschen Thematik und ihres geographischen Gebietes, entwirft mit Söhne das Porträt von fünf Männern, einer Mutter und dem haarsträubenden Schicksal einer Familie, das ihn an die Orte des Geschehens und der Erinnerungen in Polen und Deutschland führt und damit mehr als nur eine Familiengeschichte darstellt.

Westpreußen 1945. Die deutschstämmige Gutsbesitzerin Elisabeth Paetzold flüchtet mit ihren Söhnen Klaus (geboren 1938) und Wolf (geboren 1940) vor dem Einmarsch der russischen Truppen Richtung Westen. Schweren Herzens lässt die ihre jüngeren Kinder Friedrich (geboren 1942) und Rainer (geboren 1944), da ihr die Strapazen der gefährlichen Reise mit allen vier Söhnen zu gewagt erscheinen, bei den Großeltern zurück, in der Hoffnung, dass diese so bald wie möglich nachfolgen werden. Doch ihre Eltern werden vom Gut der Familie vertrieben und schließlich in ein Altenheim verfrachtet, während die kleinen Enkel zwangsweise in einem Waisenhaus untergebracht werden, ohne dass ihre Herkunft dokumentiert wird.

Sofort nach Kriegsende übergibt die vor Sorge beinahe wahnsinnige Elisabeth die älteren Söhne Klaus und Wolf der Obhut von Verwandten am Bodensee und kehrt illegal nach Westpreußen zurück, um nach den beiden jüngeren zu suchen – ein abenteuerliches, im Grunde wenig aussichtsreiches und zudem rechtlich äußerst schwieriges Vorhaben. Und doch findet die Mutter nach einigen Irrwegen tatsächlich den kleinen Friedrich, von dem sie allerdings durch eine Haftstrafe, die sie verbüßen muss, wieder getrennt wird, und der später für lange Zeit unauffindbar bleibt. Dann ergibt sich eine Spur des Kleinsten, Rainer, doch es liegen noch jede Menge behördlicher, menschlicher und juristischer Hindernisse vor ihr, bis sie letztlich mit ihrem jüngsten Sohn, den sie wieder gefunden zu haben glaubt, im Juli 1947 erneut nach Deutschland reisen kann.

Von dort aus gelingt es ihr, mit Hilfe von polnischen Anwälten einige Jahre später endlich den mittlerweile 13jährigen Friedrich ausfindig zu machen, der sich allerdings während des anberaumten Gerichtsprozesses für seinen Verbleib bei der Pflegemutter in Polen entscheidet.

Im Jahre 1959 dann erscheint auf dem ehemaligen Gut der Familie in Westpreußen ein Jugendlicher, bei dem es sich zweifellos um den jüngsten Sohn Rainer handelt, der vermeintlich bereits 1947 zur Familie zurückgekehrt war. Dieser, unter einem anderen Namen aufgewachsen, verbleibt wie Friedrich in Polen, bis er 1977 nach Deutschland übersiedelt. Der „falsche“ Rainer, nunmehr mit dem Geburtsdatum seines fernen Pflegebruders ausgestattet, gehört nun zur Familie Paetzold, und seine tatsächliche Herkunft wurde bis heute nicht aufgeklärt. Mutter Elisabeth verstirbt 1998, doch zahlreiche Dokumente und niedergeschriebene Berichte zeugen von ihrem häufig verzweifelten Bemühen, ihre Söhne wieder im Schoß der Familie zu vereinen.

Mit etlichen Preisen wurde das überwiegend dokumentarische Werk des enorm fleißigen Filmemachers Volker Koepp (Dieses Jahr in Czernowitz, Schattenland – Reise nach Masuren) bereits ausgezeichnet, und für Söhne gesellt sich der Grand Prix des Dokumentarfilmfestivals Visions du Réel von Nyon 2007 hinzu. Zeigen seine Filme schon zuvor stets ein ungewöhnlich starkes Engagement des Regisseurs, so erscheint Söhne als sein bisher persönlichstes Werk, was durchaus daran liegen mag, dass das Mitglied der Akademie der Künste, geboren 1944, über Männer seiner eigenen Generation berichtet.

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Über sechzig Jahre alt sind sie mittlerweile, die fünf Söhne der Familie Paetzold, nun überwiegend in Deutschland beheimatet und ursprünglich aus der Region Westpreußen stammend.
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