Sleeping Beauty

Sleeping Beauty

Der Schlaf der Vernunft

"Wer schläft, sündigt nicht", weiß der Volksmund – oder behauptet dies zumindest. Doch genau das ist in Sleeping Beauty, dem Debütfilm der australischen Schriftstellerin Julia Leigh, der Knackpunkt. Denn deren Hauptperson, die (zumindest äußerlich) engelsgleiche Lucy (Emily Browning), geht einem zwielichtigen Job nach: Für einen Escort-Service lässt sie sich immer wieder in einen Tiefschlaf versetzen, um in diesem Zustand Männern gegen ein üppiges Honorar schutzlos ausgeliefert zu sein. Ohne Wissen um das, was in dieser Zeit mit ihr geschieht, wähnt sie sich sicher davor, den "Dienst" allzu nah an sich heranzulassen. Doch diese Rechnung geht nicht auf, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass die schöne junge Frau ohne Erinnerung wissen will, was in diesen Stunden, die außerhalb ihrer Erinnerung liegen, mit ihr geschieht.
Die bezaubernde Emily Browning (Sucker Punch) ist ohne jeden Zweifel das Zentrum von Sleeping Beauty. Ihre ätherische, trotz aller Modernität wie aus der Zeit gefallen wirkende Schönheit verführt Julia Leigh immer wieder zu Tableaus, die an Renaissance-Gemälde erinnern, die die Ambivalenzen von unschuldiger Anmut und erotisierender Schaulust auf beiden Seiten der Leinwand widerspiegeln. Und genau diese Ambivalenz zwischen Ausstellen, Schauen und Begehren und deren passiven Gegenparts verleiht dem Film seine Spannung und seine Vielschichtigkeit, die jenseits aller erotischen Oberflächenreize ungemein stimulierend wirkt. Das Bedauerliche daran ist nur, dass genau diese intellektuellen Herausforderungen niemals in die Tiefe gehen, sondern viel zu häufig an der Oberfläche verharren. Hinzu kommen kleine Brüche und dramaturgische sowie logische Unstimmigkeiten, die an manchen Stellen mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Und nicht immer sind dies Fragen, die für den Kern der Geschichte, für die "Botschaft" von Belang wären. Vielmehr führen sie auf Abwege und ins Nichts, lenken ab und hinterlassen gleich mehrere lose Enden.

Ästhetisch hingegen verfolgt Julia Leigh in Sleeping Beauty eine ungleich konsequentere Linie: Gediegene Interieurs, gedämpfte Emotionen, der überwiegende Verzicht auf Musik, eine Inszenierungsweise, die oftmals auf spürbaren Abstand geht zu den Figuren sowie eine Langsamkeit, die gerade in den Schlafszenen beinahe selbst schon somnambule Charakteristika vorweist, suggerieren eine kühle Distanz, eine Geschäftsmäßigkeit und taxierende Beobachterhaltung, die jeglichen Voyeurismus zwar nicht ausschließt, aber doch erheblich erschwert. In wirklich starken Momenten erinnert Sleeping Beauty durchaus an Filme wie Nanouk Leooplds Brownian Movement und Stanley Kubricks Eyes Wide Shut, wenngleich Leigh die allerletzte Konsequenz fehlt, um die Geschichte vollends der Lebenswelt Lucys zu entrücken und damit in einen synthetischen Raum zwischen Kunst und Realität zu überführen.

Was diesen Übergang, diese Balance zwischen Traum, Schlaf und Wirklichkeit verhindert, ist vor allem die Erzählhaltung Julia Leighs: Die Kälte und Gefühllosigkeit, die emotionalen Grundton des Filmes vorgibt, erinnert an eine Laborsituation – und tatsächlich beginnt der Film ja mit einer solchen: Um die ständige finanzielle Klammheit zu überwinden, nimmt Lucy in dieser ersten Szene an einem medizinischen Test teil, für den sie unter Würgen einen Schlauch schlucken muss. Doch während der Zuschauer in dieser ersten Szene beinahe schon quälend zum Beobachten verdammt ist, lässt die Regisseurin später mehr Gnade mit ihrer Protagonistin walten. Allenfalls eine Ahnung dessen, was die Männer mit der schlafenden Schönheit alles anstellen, bekommen wir zu sehen.

Schon einmal wurde der Stoff, der auf dem Roman Die schlafenden Schönen des Japaners Yasunari Kawabata (1899-1972) beruht, verfilmt: Der unlängst verstorbene Vadim Glowna hatte seinen Film Das Haus der schlafenden Schönen 2006 auf die Kinoleinwand gebracht. Sowohl Kawabata wie auch Glowna dürften beide gleichermaßen davon fasziniert gewesen sein, dass es solch ein Etablissement mit schlafenden Schönen tatsächlich einmal in den 1920er Jahren in Berlin gegeben haben soll. Dass der Stoff, vielmehr die Legende von der schlafenden Schönen, sich solch großer Beliebtheit erfreut, sagt einiges aus über die eigenen Wünsche und Sehnsüchte: Die Hingabe, das Ausgeliefertsein, die Verfügungsgewalt und Ohnmacht, die in der delikaten Konstellation aufgezeigt werden, rekurrieren auf ein schwarzromantisches Ideal von Liebe und Sexualität, das manchem von uns wie ein verloren gegangenes Paradies erscheinen mag.

Schade nur, dass genau dieses Spannungsverhältnis in seiner ganzen Bipolarität in Sleeping Beauty nicht wirklich zu Ende geführt wird. Dennoch ist dieser Film aufgrund seiner feinen Stilistik eine klare Empfehlung – und für das, was der Film nicht zeigt, werden sich früher oder später eigene Bilder im Kopf der Zuschauer entfalten, die uns so manches verraten über das eigenen Begehren. Vielleicht liegt ja genau darin die Perfidie dieses eiskalten Erotikdramas, dieser psychosexuellen Versuchsanordnung, die fasziniert, abstößt, befremdet und anregt.

Sleeping Beauty

Lucy (Emily Browning), eine junge und ausnehmend gutaussehende Studentin, gerät in einen Bannkreis aus Prostitution verdingt sich als "schlafende Schönheit" an Männer, die mit ihr machen, wie sie wollen, während sie unter Drogeneinfluss schläft und sich am nächsten Morgen an nichts erinnern kann. Die Australierin Julia Leigh, die bislang vor allem als Romanautorin in Erscheinung getreten ist, wurde mit diesem Film, der ihr Debüt als Filmemacherin markiert, für den Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes 2011 ausgewählt.
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