Silver Tongues

Silver Tongues

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Machtspiele von Menschenfischern

Es beginnt ganz harmlos, leicht, spielerisch an einem ganz normalen Abend in einem Restaurant irgendwo in den USA. Weil alle Tische belegt sind, werden sie zufällig gegenüber platziert – doch später wird man sich fragen, ob dies alles wirklich nur ein Zufall war. Das eine Paar, Alex (Tate Ellington) und Rachel (Emily Meade), ist jung, frisch verheiratet und vertreibt sich gerne die Zeit mit teils rein theoretischen, teils aber auch konkreten Rollenspielen. Diese bestehen beispielsweise darin, den Partner vor die Entscheidung zu stellen, mit einem willkürlich ausgesuchten Fremden zu schlafen. Das andere Paar Gerry und Joan (Lee Tergesen and Enid Graham) scheint, angeregt durch die Freizügigkeit und Verspieltheit ihrer jüngeren Tischgenossen, einer sexuellen Annäherung, einem flotten Vierer auf dem Hotelzimmer nicht abgeneigt zu sein. Doch dann entwickeln sich die Dinge ganz anders als ursprünglich gedacht – zumindest für eines der beiden Paare und ganz gewiss auch für den Zuschauer.
Man sollte über diesen Film nicht allzu viel verraten, denn seine Unvorhersehbarkeit und die Konsequenz, mit der Silver Tongues die Manipulation als oberstes Prinzip und auf nahezu jeder Ebene vorantreibt, sind so elementar, dass man den Glücklichen, die diesen Film noch auf irgendwelche Art und Weise zu Gesicht bekommen, das Vergnügen nicht nehmen sollte.

Nur so viel sei gesagt: In verschiedenen Episoden folgt der Film einem Paar, das ohne jegliche Skrupel immer wieder Situationen inszeniert, in denen andere Menschen schamlos manipuliert und vorgeführt werden – beispielsweise in der Kirche, als eine Pastorin des Diebstahls an der Kollekte bezichtigt wird und ein falscher (und natürlich ebenfalls wieder rein zufällig anwesender) Polizeibeamter die Glaubensfestigkeit und Loyalität der Gemeinde nach allen Richtungen auslotet. Besonders perfide wird es in der darauf folgenden Episode, als die beiden in einem Altersheim mit den teilweise dementen Bewohnern ein böses Spiel über die Themen Hoffnung, Identität und Erinnerung treiben, das so gemein ist, das einem schlicht der Atem stockt.

Ohne allzu viel zu verraten: Die Machtspiele, die die beiden Protagonisten in ihren Inszenierungen betreiben, dienen keinem konkreten bzw. materiellen Zweck, sondern sollen vor allem Kontrolle über andere gewinnen und alles Feststehende wie Autorität, Identitäten, Vertrauen und jegliche Gewissheiten radikal in Frage stellen.

Viel spannender als diese recht abstrakten, aber mit nüchterner Effizienz ins Bild gesetzten Radikal-Sophistereien ist aber das Verhältnis der beiden Extrem-Rollenspieler zueinander, das sich dem Zuschauer schrittweise in kurzen Zwischenpassagen zwischen den einzelnen Episoden enthüllt. Ganz offensichtlich ist das Verhältnis der beiden von Sadomasochismus und Verhaltensmustern bestimmt, die im sexuellen Bereich ihre Entsprechung in Dominanz und Unterwerfung finden. Immer rüder werden die Attacken, mit denen der Mann die Frau zum Opfer und ausführenden Organ seiner allumfassenden Machtphantasien degradiert, was schlussendlich darin mündet, dass die beiden die Ermordung der Frau vortäuschen und den Mann als Täter inszenieren, um schließlich sogar die Polizei an der Nase herumzuführen.

Obwohl in Silver Tongues (von ganz wenigen, fein dosierten Momenten körperlicher Gewalt) nicht wirklich viel passiert, der Film fast ausschließlich über Dialoge vorangetrieben wird und man das mutmaßliche kleine Budget durchaus registrieren kann (um dies gleich anschließend wieder ganz schnell zu vergessen), gelingt es Regisseur Simon Arthur auf unnachahmliche Weise, mit den Erwartungen der Zuschauer zu spielen und diese von Anfang an nicht mehr von der Angel zu lassen, deren Köder ebenso schmackhaft wie abgrundtief böse und gemein ist.

Ein Film mit Haken und Ösen und fast ohne jede Moral, dessen perfide psychopathologische Raffinesse noch lange nachwirkt und extrem neugierig macht auf das, was Simon Arthur in seinen folgenden Filmen Necropolis und Days of Revolt (beide derzeit in Arbeit) mit dem Zuschauer veranstalten wird.

Silver Tongues, der aus dem 2007 realisierten gleichnamigen Kurzfilm entwickelt wurde, erinnert in vielen Momenten an die frühen Filme und Theaterstücke eines Neil LaBute, dann wieder in anderen Szenen an die psychologischen Versuchsanordnungen eines Michael Haneke oder eines David Mamet, was weiß Gott nicht die schlechtesten Vorbilder sind für einen so jungen Filmemacher. Erleben wir in seinem Fall die Geburt eines großen Regie-Talents? Geht man allein von diesem Film, seinem Langfilm-Debüt, aus, dann muss man in Zukunft verstärkt darauf achten, was dem Schotten noch so alles einfällt.

Silver Tongues

Es beginnt ganz harmlos, leicht, spielerisch an einem ganz normalen Abend in einem Restaurant irgendwo in den USA. Weil alle Tische belegt sind, werden sie zufällig gegenüber platziert – doch später wird man sich fragen, ob dies alles wirklich nur ein Zufall war.
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