Sierra Leone

Sierra Leone

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Eine Heimkehr aus der Fremde

Vom Vertrauten und der Fremde, vom Ankommen und Abhauen, von Nähe und Distanz, von menschlichen Ver-Bindungen sowie letztlich von der Sehnsucht, einen guten Ort zum Leben, einen Platz in dieser Welt zu finden handelt diese lakonische Geschichte des deutschen Ausnahme-Filmemachers Uwe Schrader. Dabei verweigert sich Sierra Leone aus dem Jahre 1987 mit seiner ungeschminkten Zeichnung des Deutschlands der kleinen Leute konsequent der nahe liegenden Roadmovie-Romantik, sondern setzt vielmehr auf die authentisch erscheinenden Demaskierungen und Desillusionierungen seiner Orte und Figuren, so dass ein karges, kritisches und pointiertes Porträt einer maroden Arbeiter-Gesellschaft in der Krise entsteht.
Vor drei Jahren war er unvermittelt als Montage-Arbeiter in die ferne Fremde von Sierra Leone aufgebrochen, hatte seine Frau Rita (Constanze Engelbrecht) mit einem Haufen Schulden ohne Nachricht sitzen lassen, und nun kehrt er mit dicker Brieftasche ins Ruhrgebiet zurück: Der einstige Stahlarbeiter Fred (Christian Redl) will offensichtlich ein neues Leben in der alten Heimat beginnen. Sein erster Weg führt ihn zu einer unterkühlten Verabredung mit Rita, die von seinem überraschenden Auftauchen wenig begeistert ist, denn außer einem monatlichen Scheck zur Abzahlung der gemeinsamen Schulden – immerhin – hat sie während seiner langen Abwesenheit nichts von ihm gehört und stellt gleich klar, dass sie ihn abgehakt hat und keine erneute Annäherung wünscht.

Von seiner alten Flamme Vera (Rita Russek) wird Fred dann allerdings mit angemessener Wiedersehensfreude begrüßt, und für eine kleine Weile wärmt sich die gewohnte Vertrautheit zwischen ihnen bis hin zu hitzigem Sex auf. Doch Vera ist längst anderweitig liiert und letztlich nicht bereit, ihr wohl geordnetes kleines Leben für Fred aufs Spiel zu setzen. Derweil mietet sich der Rückkehrer im schmuddeligen kleinen Hotel Royal ein und besucht seinen einstigen Arbeitsplatz in einem Walzwerk, wo er sich im Duschraum von seinen ehemaligen Kollegen als erfolgreicher Abenteurer feiern lässt. Die anschließende Sause verliert rasch an Fahrt, und es wird deutlich, dass auch diese Anlaufstelle ausgelaufen ist und sich in diesem Rahmen kaum weitere Kontakte ergeben werden.

In seiner abgetakelten Herberge, die sicherlich schon bessere Zeiten erlebt hat, freundet sich Fred allmählich mit der blutjungen Alma (Ann Gisel Glass) an, die rezeptionelle und andere anfallende Dienste dort verrichtet und von ihrem aufbrausenden Chef auch schon mal verprügelt wird. Die unsagbar verloren wirkende junge Frau, deren kleine Tochter in einem Heim lebt, ist ohne weiteres bereit, ihren tristen Alltag hinter sich zu lassen, und so bricht sie gemeinsam mit Fred zu einer Fahrt Richtung Norden auf, wo dieser sich bei seinem vorherigen Arbeitgeber erneut für einen Montageplatz in West-Afrika bewerben will. Es folgt eine unbeschwerte Zeit des Unterwegsseins, doch dann wird deutlich, dass sich die Ausstiegspläne des ungleichen Paares nicht so leicht verwirklichen lassen ...

Seinerzeit als deutscher Beitrag bei den Filmfestspielen von Venedig vertreten sowie für den Deutschen Filmpreis nominiert stellt Sierra Leone den zweiten Teil der Trilogie von Uwe Schrader dar, die mit seinem Spielfilmdebüt Kanakerbraut (1983) begann und mit Mau Mau (1992) schließt. Auch hier gelingt es dem ungefälligen Regisseur mit der sensiblen, schnörkellosen und präzisen Charakterzeichnung seiner Figuren ganz hervorragend, die Stimmungen eines Milieus einzufangen, dessen Darstellung sich durch einen kruden Realismus auszeichnet. Wiederum ist die Handkamera von Klaus Müller-Laue den banalen wie bedeutsamen Regungen der Protagonisten dicht auf den Fersen und Gesichtern, und die intensiven Bilder vermitteln weitaus mehr, als jeder noch so ausgefeilte Dialog es vermöchte.

Was letztlich am Ende der Geschichte mit ihrem offenen, überraschenden und zutiefst beunruhigenden Schluss bleibt, ist eine schlichte Wortlosigkeit, die atmosphärisch unsagbar dicht erscheint und im Grunde die Beliebigkeit der Wendungen eines Schicksals repräsentiert, das die Sicherheit seiner Verwurzelung abgesteift hat. Und wieder ist es die Verlorenheit des Menschen im Dickicht der Unwegsamkeit des Lebens, die Uwe Schrader in Sierra Leone mit seinem geradlinigen Radikalismus schonungslos thematisiert, betont durch den Aspekt der überwiegend allein in Gedanken präsenten, verheißungsvollen Ferne, die hier offensichtlich langfristig auch keine Erlösung bietet – Wohlgefühle transportieren die Filme von Uwe Schrader kaum, doch dafür eine anregende Verstörung, die einiges an unbequemen Nachdenklichkeiten bereitstellt.

Sierra Leone

Vom Vertrauten und der Fremde, vom Ankommen und Abhauen, von Nähe und Distanz, von menschlichen Ver-Bindungen sowie letztlich von der Sehnsucht, einen guten Ort zum Leben, einen Platz in dieser Welt zu finden handelt diese lakonische Geschichte des deutschen Ausnahme-Filmemachers Uwe Schrader.
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