Sieben Tage Sonntag

Sieben Tage Sonntag

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

An einem Tag wie jeder andere...

Ein brutaler Mord ohne jeden Grund, einfach so ausgeführt, weil in einer Welt wie dieser ein Menschenleben nichts mehr zählt: Darüber hat bereits Albert Camus in seinem Buch Der Fremde geschrieben und jene existenzielle Entfremdung des Lebens aufgezeigt, in der man nichts mehr spürt, in der alles egal geworden ist, weil sich ja doch nichts ändern lässt. Und weil es Schockmomente und Grenzüberschreitungen braucht, um der Lethargie und Absurdität des Dasein zumindest für einen Moment zu entrinnen, ist der Tod eines anderen Menschen in Camus’ Geschichte die beinahe zwingend logische Folge.
So abgehoben und philosophisch das auch erscheinen mag – solche Taten ohne jedes nachvollziehbare Motiv sind nicht allein fiktionale Konstrukte, sondern füllen immer wieder die Schlagzeilen der Zeitungen. Der Absolvent der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Niels Laupert hat einen solchen Fall recherchiert und in seinem Debütfilm Sieben Tage Sonntag dramatisiert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen – es erschreckt, stößt ab und fasziniert gleichermaßen. Erklärungsversuche sucht man hier vergebens. Weil es nichts zu erklären gibt. Und das ist der eigentliche Horror: Dass wir trotz allem die Abgründe, die sich in manchen Menschen verbergen, niemals auch nur annähernd begreifen können.

Der 14. Januar 1996 ist ein Sonntag wie jeder andere. In einer gespenstisch anmutenden Plattenbausiedlung am Rande einer nicht näher bestimmten Stadt (gedreht wurde in einer Plattenbausiedlung in Leipzig, der reale Fall, auf den sich Niels Laupert bezieht, ereignete sich in Polen) hängen die Jugendlichen Adam (Ludwig Trepte) und Tommek (Matrin Kiefer) herum und vertreiben sich irgendwie die Langeweile. Sie klauen Wein, betrinken sich, flirten mit Sara (Jil Funke), ziehen weiter, auf der Suche nach einem Ventil für ihre angestauten Frustrationen. Zunächst genügt es ihnen noch, in einer alten Fabrik zu randalieren. Doch dann kommt Tommek auf eine verhängnisvolle Idee: Er will zusammen mit Adam einen Menschen töten. Einfach irgendeinen, der gerade ihre Wege kreuzt...

Trügerisch klingt der Filmtitel. Beinahe so, als habe man es hier mit einem harmlosen deutschen Familienstreifen der Fünfziger oder Sechziger zu tun. Denn träumen wir nicht alle davon, dass jeder Tag ein Sonntag sein könnte? Doch in Niels Lauperts Film Sieben Tage Sonntag ist der Traum vom Leben ohne Arbeit zum Albtraum geworden. Die beiden 16-jährigen Jungs gehen nicht mehr zur Schule, haben keine Arbeit und schlagen so lange die Zeit tot, bis ihnen das nicht mehr genügt. Das ist hart, brutal, ernüchternd und verzichtet auf jede Art der Schuldzuweisung. Beinahe möchte man glauben, dass die Ereignisse, die passieren einfach Schicksal sind, dass sie bereits vorher dem Leben der beiden Streuner eingeschrieben wurden – weil sie sich mit so großer Zwangsläufigkeit auf den Endpunkt der Geschichte zubewegen.

Niels Lauperts Film besticht durch Beobachtungen, die ganz nahe herangehen an die beiden Protagonisten Adam und Tommek. Ludwig Trepte und Martin Kiefer spielen die beiden Täter mit beängstigender Präzision und voller mühsam zurückgehaltener Energie (wirkungsvoll in Szene gesetzt durch zum Teil beeindruckende Cinemascope-Aufnahmen und eine gelungene Musikauswahl, die Bands wie Portishead, Slut, Naked Lunch, den Babyshambles und The Notwist umfasst), die schließlich wie ein Vulkan ausbricht, um anschließend im Gefängnis wieder wie ein Strohfeuer zum Erlöschen zu kommen.

Ein Debüt, das neugierig macht. Und ein Film, der beunruhigt und verunsichert.

Sieben Tage Sonntag

Ein brutaler Mord ohne jeden Grund, einfach so ausgeführt, weil in einer Welt wie dieser ein Menschenleben nichts mehr zählt: Darüber hat bereits Albert Camus in seinem Buch Der Fremde geschrieben und jene existenzielle Entfremdung des Lebens aufgezeigt, in der man nichts mehr spürt, in der alles egal geworden ist, weil sich ja doch nichts ändern lässt.
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Meinungen
Sabine · 15.03.2009

Ich bin nach diesem Film wirklich sprachlos. Gewalt und unausgefüllte junge Menschen sieht man täglich im Fernsehen, teils in den Nachrichten. Aber wie weit Menschen in ihrem Frust, ihrer Langeweile gehen und dabei keinerlei empfinden zeigen - das macht Angst. Wenige Tage nach dem Amoklauf im Schwäbischen zeigt der Film, das derlei Realitäten nicht so weit weg sind! Das passiert nicht nur in Ami-Land. Vor uns im Kino saß eine Gruppe Jugendlicher, lachend, kichernd, "ey, cool" - da verstehe ich (35) die Welt nicht mehr. Gebt unseren Jungen Aufgaben - sie nicht aufgeben, dranbleiben, 7 Tage Sonntag darf nicht sein - außer im wohl verdienten Urlaub. Jeder Einzelne ist gefordert, sich für Werte, Moral und Soziales stark zu machen!

Henno · 10.03.2009

"Ein Debüt, das neugierig macht. Und ein Film, der beunruhigt und verunsichert."
(Joachim Kurz). Dass ich nicht lache. Für mich das Debüt eines derart distanzierten Menschen, der seine Charaktäre vollkalkuliert über die Leinwand taumeln lässt. Ein Film, der dadurch beunrhigt und verunsichert, weil nichts als Ärger und Zweifel am eigenen Intellekt zurückbleibt. Junges Deutsches vielsagenwollendes aber absolutnichtssagendes Kino

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