Sie sind verdammt

Sie sind verdammt

Eine Filmkritik von Gregor Ries

Uneinheitlicher Mix mit visueller Kraft

Obwohl Sie sind verdammt zu den wichtigsten britischen Science Fiction-Filmen der 1960er Jahre zählt, ist Joseph Loseys Schwarzweiß-Klassiker von 1961 immer noch zu wenig bekannt. Mit unterschiedlichem Erfolg versuchte sich der Dramen- und Opernregisseur (Der Mittler, Don Giovanni) vom film noir bis zur Agentenfarce in den verschiedensten Genres. Die Adaption von H.L. Lawrences Children of the Light zählt zu seinen interessantesten, bildgewaltigsten Werken. Trotzdem erstaunt es kaum, dass diese Hammer-Produktion zunächst zwei Jahre zurückgehalten und dann von den Produzenten nur gekürzt frei gegeben wurde – die US-Länge betrug lediglich 77 Minuten. Schließlich hebt sich das nihilistische Drama inhaltlich und formal sowohl von den gewohnten Schauerstoffen als auch den utopischen Arbeiten des britischen Horror-Hauses ab.
Erneut griffen Losey und sein Autor Evan Jones das Motiv der todbringenden Kinder auf, das zuvor schon in Wolf Rillas Das Dorf der Verdammten (Village of the Damned, 1960) thematisiert wurde. Der Originaltitel The Damned / These are the Damned legt nahe, dass Hammer daran anzuknüpfen versuchte. Brachte bei Rilla der außerirdische Nachwuchs absichtlich Tod und Vernichtung, erwiesen sich die Mutanten trotz ihrer gefährlichen Fähigkeiten sowohl in Anton M. Leaders 1963er Fortsetzung Children of the Damned sowie bei Losey als Opfer und Werkzeug von Wissenschaft und Militär.

In Loseys The Damned geht die Gewalt zunächst von einer anderen Gruppe aus. Oliver Reed als King führt eine Bande von Bikern an, die Touristen überfallen und berauben. Als Lockvogel dient Kings Schwester Joan (Shirley Anne Field), für die er inzestuöse Gefühle hegt. Deshalb will er ver­hindern, dass sie andere Männer trifft. Als Leitmotiv der in Leder gekleideten Teds dient der Rock’n Roll-Song „Black Leather“, der ihre kriminellen Aktivitäten untermalt. Zu Beginn löst dieser Beatsong den bedrohlichen Orchester­score ab, der die Kamerafahrt über die unwirtliche Küste von Portland Bill begleitet.

Als neues Opfer fällt den Rockern der ältere US-Tourist Simon Wells (Macdonald Carey) in die Hände, der das englische Küstenstädtchen Weymouth besucht. Wells wird auf Joan aufmerksam und folgt ihr. Die ausgelassene Stimmung, als die Biker militärischen Gleichschritt veralbernd durch die Stadt tollen, schlägt bald in Aggression mit Wells als Zielscheibe um. Als Passanten den beraubten und verprügelten Amerikaner in ein Café bringen, begegnet er der Bildhauerin Freya (Viveca Lindfors) und ihrem Freund Bernhard (Alexander Knox). Ganz in der Nähe von Freyas Ferienhaus befindet sich ein militärisches Sperrgebiet, wo Bern­hard einem geheimen Regierungsauftrag nachgeht. Obwohl sie über seine ge­nauen Aktivitäten im Unklaren ist, übt die eifersüchtige Künstlerin stets Kritik an seinem Vorgehen.

Zufällig begegnet Simon Wells später erneut Joan, die dem ehemali­gen Versicherungsdirektor auf sein Boot folgt. Beide fliehen vor King und seiner Bande aufs Meer. Nach einem zweiten Angriff wird das Paar von Kindern aus dem Wasser gezogen. Sofort bemerken die Geretteten deren eiskalte Hauttemperatur. Als Objekte des Forschungsprojekts wurden die Kleinen in unterirdischen Höhlen fernab der Zivilisation aufgezogen. Nach einem möglichen Atomschlag sollen die verseuchten Kinder das Überleben der Zivilisation sichern, da sie gegen jede Strahlung immun sind. Bald sieht sich das flüchtige Paar im Widerstreit der Rockerbande und des Militärs wieder, deren Allgegenwart und Macht durch das finale Dröhnen der Hubschrauberrotoren unterstrichen wird.

Damit nimmt Losey seine spätere Actionparabel Im Visier des Falken (Figures in a Landscape, 1970) vorweg, in der zwei Ausbrecher von einem hartnäckigen Hubschrauber durch die Wildnis gehetzt werden. Der Überwachungsstaat erweist sich in diesen Filmen als omnipräsent. Im Netz von Big Brother kann sich das Individuum weder frei bewegen noch bestehen. Emotionen und menschliche Werte zählen innerhalb der soldatischen Ordnung nichts. Die Kinder werden als steuerbare Waffe erzogen, während Militär und Wissenschaft als Instrumente staatlicher Repression dienen. Loseys Kritik richtet sich weniger gegen die Gefahren des drohenden nuklearen Holocausts, sondern gegen jene Bürokratie, die ihm die Wege ebnet.

Hinweise auf die Überwachung aus der Luft lassen sich ebenfalls bei den Vogelskulpturen der Bildhauerin erkennen. In der Pub-Sequenz, als Simon, Bernhard und Freya erstmals aufeinander treffen, überreicht die Künstlerin ihrem Geliebten eine jener Figuren als Geschenk. Schon hier dient der „Friedhofsvogel“ zwischen ihnen als Hinweis auf ihren späteren Bruch. Freyas Skulpturen erinnern an zerstörte, verstümmelte Körper nach einem Atomschlag, als mahnende Warnung. Selbst fungiert sie als Bernhards unerhörte Ge­wissensstimme. Da der Charakter der Bild­hauerin in H.L. Lawrences Vorlage nicht existiert, lässt sich an ihr Loseys kritischer Impetus am besten erkennen.

Als gewalttätige Anführer werden King als Rockerkönig und Bernhard als Chefwissenschaftler einander gegenübergestellt. King weist eine aufkommende Zuneigung zu den Kinder rasch zurück. Da er selbst nicht dazu fähig ist, versucht er zu verhindern, dass seine Schwester Liebe findet. Gegenüber den Kindern verhält sich Bernhard zwar freundlich, aber bestim­mend. Letztlich geht er über Leichen, um sein Projekt zu schützen. Nicht umsonst nennen die Kinder seine mit Schutzanzügen ausgestatteten Sol­daten „Der schwarze Tod“, auch wenn diese Bezeichnung eher auf einem Missverständ­nis beruht. In dem Paar Simon und Joan sehen sie ihre Ersatzeltern. Sie selbst sind die Kinder, welche die beiden niemals bekommen können.

Loseys Werk mag als Mischung aus Juvenile Crime- und düsterem Science Fiction-Drama uneinheitlich wirken und in seiner warnenden Botschaft ganz dem sozialkritischen Sechzigerjahre-Kino verhaftet sein, doch an seiner visuellen und inszenatorischen Kraft hat es nichts verloren. Sie sind verdammt kam niemals in die deutschen Filmtheater. Immerhin konnte die DVD-Veröffentlichung auf die solide TV-Synchronisation aus den 1970er Jahren zurückgreifen. Sogar bei der Retrospektive des Straßburger Fantasy Filmfest im Herbst 2015 über „böse oder bedrohliche Kinder“ fehlt Loseys bemerkenswerte Arbeit, doch diese Lücke vermag immerhin die deutsche Edition zu schließen.

Sie sind verdammt

Obwohl „Sie sind verdammt“ zu den wichtigsten britischen Science Fiction-Filmen der 1960er Jahre zählt, ist Joseph Loseys Schwarzweiß-Klassiker von 1961 immer noch zu wenig bekannt. Mit unterschiedlichem Erfolg versuchte sich der Dramen- und Opernregisseur („Der Mittler“, „Don Giovanni“) vom film noir bis zur Agentenfarce in den verschiedensten Genres.
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