Shocking Shorts 2016

Shocking Shorts 2016

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Zehn kuriose Krimi & Co Knüller

Da plagen Schulden und Arbeitslosigkeit ein junges Mädchen im urbanen Raum, dem auch noch seine Handtasche von ein paar schrägen Schergen abgezockt wird, die am Wegesrand lauern. Doch als der alte, müde und schusselig gewordene Meister Tod selbst versehentlich seine mächtige Vollstreckungssense bei ihr vergisst, wird die sanfte Kleine damit bald zu einer blutrünstigen Rächerin, die das Abberufungssystem im Himmel in gewaltige Turbulenzen katapultiert. Dieses auf wohlbekannten Symbolen unterschiedlichster Art beruhende satirische Szenario – flankiert vom großartigen, dynamisch-lässigen Sound von Musiker David Nesselhauf – mit äußerst pfiffigem Ende skizziert der animierte Kurzfilm R.I.P. – Rest in Pieces von Steffen Hand und Folke Renken, der gemeinsam mit neun weiteren Beiträgen des Genres für den Shocking Shorts Award 2016 nominiert war.
Es hat bereits eine ansehnliche, wunderbar schräge Tradition, wenn alljährlich – heuer zum 17. Mal – dieser Kurzfilmpreis in Sachen Action, Horror, Krimi, Mystery und Thriller vom Pay-TV-Sender 13th Street Universal verliehen wird. Und zwar jedes Mal in einer anderen skurrilen Eventstätte, von reichlich gut aufgelegter Prominenz der Branche frenetisch gefeiert, wie auch die Veranstaltung vom Vorjahr zeigt, die wie stets in Ausschnitten als Bonusmaterial auf der DVD mit den zehn nominierten kurzen Krachern aus dem Hause Concorde Home Entertainment enthalten ist. Der diesjährige Gewinner des Awards der Shocking Shorts 2016 ist die düstere Mini-Komödie Pistenzauber von Filmstudent Korbinian Dufter, der seinen Preis bei den Feierlichkeiten von Katja Riemann entgegennahm und damit ein Ticket nach Hollywood und die Teilnahme am dortigen Universal Filmmasters Program gewann.

Von einem Mordkomplott im Rahmen einer illegalen Pool-Party erzählt der Thriller Dead Girls Don’t Love von Philipp Westerfeld, während sich Can’t take my eyes off you von Johannes Kizler und Nik Sentenza mit der Eskalation einer trinkselig gestörten Mutter-Tochter-Beziehung beschäftigt. Die Isolationspein eines vermenschlichten Versuchstieres schildert auf beängstigende Weise sowie aus einer ganz außergewöhnlichen Perspektive heraus das beklemmende Kurzdrama Die Behandlung von Marvin Meiendresch, der damit auch ein anklagendes Bild der modernen medizinischen Forschung zeichnet. Mit The Hostage präsentiert Lynda Bartnik eine ebenso komplexe wie letztlich verwirrende Genese einer Geiselnahme, die ihre schwelende Spannung aus den Unabwägbarkeiten der Täter-Opfer-Konstellationen speist.

Schnee in Rio von Konrad Simon und Manuel Vogel mutet stilistisch in Schwarzweiß wie ein klassischer Film noir an, und tatsächlich geht es in diesem Zug-Krimi um die Beschwörung der Spionage-Filme der 1960er Jahre, mit keiner geringeren Referenz als Ian Fleming höchstpersönlich. Ein heldenhafter Einzelkämpfer und Frauenretter steht im Fokus der Gangster-Geschichte First Drop of Blood von Kevin Hartfiel und Matthias Wissmann, die im harten Milieu von Drogen und Prostitution angesiedelt ist. Die Randgruppe von Julius Grimm stellt eine wunderbar zynische Perle unter den nominierten Filmen dar, wobei allein der treffliche Titel von der dunkel-humoristischen Haltung des jungen Regisseurs und Drehbuchautors zeugt, der seinen Kurzfilm mit geschickter Raffinesse zu entwickeln weiß. Der rote Punkt von Alexander Resch schließlich birgt geradezu einen Moloch an ernsten, schwerlastigen Themen um einen Fotokünstler in ganz spezieller Mission, der gerade eine Ausstellung mit regelrecht beklemmenden Porträts eröffnet hat und angelegentlich von einem Kommissar zum Verbleib einer jungen Frau befragt wird, deren Foto zum begehrtesten Objekt dieser Werkschau wird.

Auch die Shocking Shorts 2016 bergen wieder ganz viel Herzblut junger Filmschaffender, großartige, respektable Resultate sowie enorm beachtliches Potenzial hinter den drastischen Kurzfilmen, das auch bereits auf genug Stoff und Ausdauer für ein längeres und langes Format hinweist. Hier kann sich der innovationsinteressierte Zuschauer sowohl die neueren Trends an den Filmhochschulen und unter den filmischen Freigeistern hierzulande ersichten als auch den weitestgehend kommerzfreien Clous der Kurzfilmszene folgen, deren Protagonisten allerdings in der Regel nur allzu gern vorübergehend in dieser Nische verbleiben, diese bestenfalls befruchten und sich dann auf den Pfad des gewöhnlich langen Spielfilms begeben. Doch bei aller dynamischen Figurenfluktuation bleibt diese kurze Kunstform zweifellos weiterhin bestehen, auch wenn sie schändlicher- wie bedauerlicherweise im Vorprogramm der Kinos nunmehr kaum noch ihre einst dort angestammte Position zugewiesen bekommt. Zeigt und schaut mehr Kurzfilme, lautet eine energische Empfehlung, die sich sowohl an Kinobesitzer als auch ans illustre Publikum richtet, zum eigenen Vergnügen der pointierten Unterhaltung.

Shocking Shorts 2016

Da plagen Schulden und Arbeitslosigkeit ein junges Mädchen im urbanen Raum, dem auch noch seine Handtasche von ein paar schrägen Schergen abgezockt wird, die am Wegesrand lauern. Doch als der alte, müde und schusselig gewordene Meister Tod selbst versehentlich seine mächtige Vollstreckungssense bei ihr vergisst, wird die sanfte Kleine damit bald zu einer blutrünstigen Rächerin, die das Abberufungssystem im Himmel in gewaltige Turbulenzen katapultiert.
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