Shock Head Soul

Shock Head Soul

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Im Jahr 1903 wurde ein außerordentliches Buch publiziert. Sein Verfasser war Daniel Paul Schreber, ein ehemaliger Richter am Gericht Dresden, der seine Autobiografie Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken über neun Jahre hinweg verfasst hatte. Kurz nachdem er zum jüngsten Richter Deutschlands ernannt wurde, begann Schreber Wahnvorstellungen zu entwickeln.
Er bekam seiner Meinung nach Nachrichten von Gott. Seiner baldigen Einlieferung in die Psychiatrie folgten viele Jahre mit nur mäßigen Heilungsversuchen, Experimenten und Grausamkeiten, die nach dem damaligen Stand der Psychiatrie helfen sollten, ihn zu heilen. Schrebers Buch interessierte alsbald Psychoanalytiker wie Freud und Jung – Freud machte sich sogar daran eine Analyse aufzustellen, obwohl er nur die Aufzeichnungen Schrebers zur Verfügung hatte und den Menschen selbst nie traf.

Doch das wahrhaft Besondere an Schrebers Buch ist die Tatsache, dass es sich hierbei um den ersten detaillierten und von einem Betroffenen geschriebenen Rapport über seine Krankheit handelt, also einer der ersten schriftlichen Fallstudien – es wird heute vermutet, dass er unter einer Form von paranoider Schizophrenie litt.

Schreber selbst glaubte Zeit seines Lebens daran, dass er von Gott auserkoren war. Seine Ärzte beriefen sich vielmehr auf die Vermutung, dass er an Syphilis litt und dass die Erziehungsmaßnahmen seines Vaters, dem Begründer der so genannten „Schwarzen Pädagogik“ (einer sadistischen Erziehungsart, die gern mit orthopädischen Geräten hantierte, die Kinder zum „gerade sitzen“ animieren sollten) dem Jungen massiven Schaden zugefügt hatten. Nach fast einem Jahrzehnt in Anstalten schaffte es Schreber per Gerichtsverfahren, bei dem er sich selbst vertrat, seine Entlassung zu erwirken und die Publikation seines Buches zu erlauben.

Shock Head Soul geht dieser überaus interessanten, gleichsam verwirrenden und historisch brisanten Lebensgeschichte nach. Das Material gibt viel her, der Ansatz den Regisseur Simon Pummell wählt, ist dabei ein sehr eigener. Man würde vermuten, dass eine reine Nacherzählung der Ereignisse einen guten semi-fiktionalen Film ergeben würde, doch daran ist der Multimediakünstler und Harvardprofessor nicht interessiert. Sein Projekt ist vielfältig: teils dokumentarisch, teils klassisch nacherzählt, teils animiert, teils analysiert.

Pummell gibt Teile der Geschichte Schrebers im Stil klassischer Nacherzählung wieder und lässt zwei Schauspieler in Kostümen Episoden aus Schrebers Leben nachstellen. Die Inszenierung ist dabei sehr reduziert und erinnert an Theaterfilme wie die Derek Jarmans. Doch innerhalb der klassisch reduzierten Szenerie schweben per Animation bildlich gemachte Wahnvorstellungen des Geisteskranken Schreber durch die Luft, die auf dem sonst eher leeren Raum ein fantastisches Element hinzufügen und so versuchen, Teile des paranoiden Innenlebens nach außen zu visualisieren.
Pummell addiert dann eine weitere Ebene hinzu. Der Film beginnt im Gerichtssaal, in dem sich Schreber um seine Freilassung bemüht – das Set sieht eigenartig artifiziell aus, die Kamera verzerrt Farben und Bilder mit getönten Linsen, ein Fischaugenobjektiv lässt den Raum wölben. In diesem verzerrten Raum sitzen mehrere Psychoanalytiker der Jetzt-Zeit, die Pummell zu verschiedenen Aspekten Schrebers interviewt. Sie analysieren quasi von der Ferne und auf dem jetzigen Stand der Wissenschaft. Spannender noch, Pummell lässt die Schauspielerin, die Schrebers Frau darstellt, direkt mit ihnen interagieren und Fragen stellen. Das verbindet die beiden Zeitebenen und schafft interessante Querverbindungen, die rein fiktional sind.

Shock Head Soul versucht vieles auf einmal. Ein Mix aus verschiedenen Filmtechniken, die Mischung von Zeitebenen und der Verbindung von Dokumentarischem und Fiktionalem geben dem Zuschauer viel zu sehen und viel, dass er verstehen und verdauen muss. Das ist ungeheuer spannend, kriegt man solch eine vor allem technisch basierte Vielfalt im Kino nur selten zusehen.

Doch die Geschichte, vor allem die interne der fortschreitenden Krankheit, bleibt dabei irgendwann auf der Strecke. Seine Lebensgeschichte ist so abstrus und spannend zu gleich, dass es schon schwierig gewesen wäre, diese in einem „normalen“ Spielfilm gut zu erfassen. Die vielen Spielereien und verschiedenen Visualisierungen lenken doch stark von der eigentlichen Geschichte ab. Der Einsatz der modernen Analytiker ist zwar ein hochinteressanter Ansatz, doch führt zusätzlich zu einer totalen Verkopfung der Lebens- und Leidengeschichte dieses Menschen. Was dem Film neben aller Technisierung und Analyse letztendlich fehlt ist eine Spur Menschlichkeit.

Shock Head Soul

Im Jahr 1903 wurde ein außerordentliches Buch publiziert. Sein Verfasser war Daniel Paul Schreber, ein ehemaliger Richter am Gericht Dresden, der seine Autobiografie „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ über neun Jahre hinweg verfasst hatte. Kurz nachdem er zum jüngsten Richter Deutschlands ernannt wurde, begann Schreber Wahnvorstellungen zu entwickeln.
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