Selfless - Der Fremde in mir (2015)

Selfless - Der Fremde in mir (2015)

Eine Filmkritik von Andreas Günther

Das Gute im Leib

Wer viele Science-Fiction-Thriller kennt, wird die Reinkarnations-Geschichte von Selfless – Der Fremde in mir wahrscheinlich wenig originell finden. Umso beeindruckender fällt die filmische Umsetzung aus. In der Low-Budget-Produktion steckt ein kleines Meisterwerk, das weit mehr beschert als zwei Stunden angenehme Anspannung. In Bann schlägt ein Neo-Noir-Actionfilm, dessen plastische Dramaturgie des Bildes nicht nur unserer körperfixierten Gegenwart den Spiegel vorhält, sondern überdies die Hoffnung formuliert, dass unter den Schichten vitaler Egozentrik ein ethischer Impuls zu Leben erwachen könnte.

Der menschliche Leib stellt sich dabei zunächst als mieser Verräter vor. Der New Yorker Immobilienmagnat Damian Hale windet sich im Edelrestaurant in Krämpfen und kotzt im Büro Blut auf den Computermonitor. Bald dem Krebstod zu erliegen, stellt für ihn eine herbe Kränkung dar. Es hindert ihn ebenso an der Versöhnung mit seiner Tochter Claire (Michelle Dockery) wie an der Vergrößerung seines Imperiums. Der Verbitterung darüber verleiht kein Geringerer als Sir Ben Kingsley brillant Gesicht.

Damian Hale will der sterblichen Hülle entrinnen – zur Not unter anderem Namen. Nach Vortäuschung seines Ablebens lässt er seinen Geist durch einen dubiosen Wissenschaftler in einen angeblich biogenetisch erzeugten Körper verpflanzen. Damian Hale wird zu Edward Kidney, einem muskulösen, durchtrainierten Junggesellen Mitte dreißig. Ryan Reynolds (Green Lantern) gibt ihm die perfekte Figur. Im flirrenden New Orleans frönt sein Edward in vollen Zügen einem luxuriösen Dasein aus Sport, Speedbootfahren und viel Sex, dass man neidisch werden könnte.

Aber der Handtrommel-Wirbel, der die von Cutter Robert Duffy mitreißend montierten Fetzen dieses Lebens nicht bloß akzentuiert, sondern zu diktieren scheint, deutet subtil an, dass Damian als Edward nicht mehr Herr der Lage ist. Der Körper ist Hort des Gedächtnisses, hat der Philosoph Baruch de Spinoza schon im 17. Jahrhundert erklärt. Das erweist sich als tückisch. Aus dem Leib, den Damian bewohnt, steigen fremde Erinnerungen auf: An einen Kriegseinsatz im Irak, an eine fröhliche Latina, die vor einem hohen Wasserturm mit riesiger Kürbisplastik reitet – und an ein krankes kleines Mädchen.

Edward trifft deren Mutter Madeline (Natalie Martinez) in ihrem abgelegenen Häuschen nahe St. Louis. Erschrocken stellt sie fest, dass er ihrem verstorbenen Mann Mark, einem ehemaligen Soldaten, aufs Haar gleicht. Bewaffnete klingeln. Fast schon instinktiv beginnt Edward für Madeline und ihre Tochter einen Kampf auf Leben und Tod. Die unheimliche Begegnung mit einem fremden Ich, das Übernatürliche des Weiterlebens, vor allem aber die Wahl, gut oder bloß eigennützig zu sein, werden im Rahmen eines Konzepts immanenter Transzendenz zu einer moralischen Herausforderung körperlicher Existenz. Die Inszenierung von Tarsem Singh (Spieglein Spieglein - Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen) macht daraus einen sehr packenden Film.
 

Selfless - Der Fremde in mir (2015)

Wer viele Science-Fiction-Thriller kennt, wird die Reinkarnations-Geschichte von "Selfless – Der Fremde in mir" wahrscheinlich wenig originell finden. Umso beeindruckender fällt die filmische Umsetzung aus. In der Low-Budget-Produktion steckt ein kleines Meisterwerk, das weit mehr beschert als zwei Stunden angenehme Anspannung.

  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.