Sehnsucht und Erinnerung

Sehnsucht und Erinnerung

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Trauer und Wahn

Ausreichend Raum und Zeit, beim Verlust eines geliebten Wesens in Ruhe angemessen, würdig und ausführlich zu trauern, sind längst keine Selbstverständlichkeit mehr. In diesem Spielfilmdebüt der dafür und auch darüber hinaus mehrfach ausgezeichneten neuseeländischen Fimemacherin Niki Caro (Whale Rider, 2002, Kaltes Land / North Country, 2005) zieht sich eine verstörte japanische Witwe zurück, um genau das zu tun, ungeachtet jeglicher Schicklichkeit und der Konsequenzen für ihr eigenes Leben.
Es sind nur wenige, allerdings eindeutige Blicke, und schon ist es um Sayo (Yuri Kinugawa) und Keiji (Eugene Nomura) geschehen, und sie bewegen sich in unaufhaltsamer, heftiger Anziehung aufeinander zu, trotz der großen Unterschiede, die sie trennen könnte. Während Sayo mit Ende zwanzig bereits als altes, unscheinbares und vor allem unverheiratetes Mädchen wenig gilt, ist der jüngere, erfolgreiche und vermögende Keiji eine zu gute Partie, als dass seine standesbewusste, früh verwitwete Mutter (Yôko Narahashi) mit der Verbindung der Verliebten einverstanden wäre. Den entflammten Mann kümmert das jedoch nicht, und kurzerhand verlässt er mit seiner Erwählten die Metropole Tokio, um sie in Neuseeland mit anschließender Hochzeitsreise zu ehelichen.

Zunächst wird es eine Zeit der zarten, wonnigen Annäherungen, während das frisch vermählte Paar mit einer kleinen Reisegruppe durch die weiträumigen Landschaften Neuseelands tourt, doch ausgerechnet auf dem Terrain der Sexualität kommt es zu unvermuteten Hindernissen zwischen den beiden, unter denen allerdings ihre zärtliche Zuneigung kaum leidet. Doch dann geschieht das tragische Unglück, als Keiji beim Surfen tot aus dem Wasser gezogen wird – ein Unfall offensichtlich, doch leise Zeichen weisen auch darauf hin, dass der junge Mann bewusst den Tod gewählt haben könnte. Sayo bricht verzweifelt zusammen und wird notdürftig in der kleinen Fischergemeinde versorgt, bis sie mit ihrem toten Ehemann im Sarg heim nach Tokio geschickt wird. Nun zieht sie, wie es sich gehört, bei der kühl beherrschten und herrschenden Mutter Keijis ein, übersteht gerade noch die traditionelle Beerdigung und flüchtet dann zurück an den Strand in Neuseeland, dorthin, wo Keiji starb.

Dort zelebriert sie zunächst unbemerkt ihre gewaltige, dem Wahnsinn ähnliche Trauer in einer Höhle, in der sie sich einrichtet und ganz ihren Erinnerungen und den unerfüllbaren Sehnsüchten nach Keiji hingibt. Gefährlich nah balanciert sie dabei am Verlust der eigenen Gesundheit, ja des eigenen Lebens, bis sie kaum mehr zwischen ihren delirierenden Vorstellungen und der harten Realität unterscheiden kann – ein beängstigender Zustand, der scheinbar keine Rettung zulässt …

So schlicht, harmlos und gemächlich die Geschichte von Sayo und Keiji auch beginnt, deren Drehbuch ebenfalls von Niki Caro stammt, so intensiv und spannend setzt sie sich in zunehmend bedeutungsgeballten, starken Bildern fort, deren unmittelbare Präsenz nicht durch unnötige Dialoge der hervorragenden Akteure reduziert wird. Geht es vordergründig sehr feinfühlig um Verlust, unsagbaren Schmerz und unerträgliche Trauer, ist Sehnsucht und Erinnerung / Memory & Desire auch das ungewöhnliche Porträt einer Frau, die erst nach dem Durchwandern der finstersten Täler zu einer eigenen, unabhängigen Identität gelangt. Ein großartiges, erstaunlich reif wirkendes Debüt mit einem guten Gespür für dezent berührte, nichtsdestotrotz eindringliche sozialkritische Aspekte.

Sehnsucht und Erinnerung

Ausreichend Raum und Zeit, beim Verlust eines geliebten Wesens in Ruhe angemessen, würdig und ausführlich zu trauern, sind längst keine Selbstverständlichkeit mehr.
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