Secret Sunshine

Secret Sunshine

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Eine Reise nach innen

Trauerarbeit – das ist ein Wort, das leicht dahergesagt ist. Was der Schmerz über den Tod eines geliebten Menschen wirklich bedeutet, das verdrängen wir auch im Kino nur allzu gerne. Der südkoreanische Regisseur Lee Chang-dong hat sich nun des Themas auf eine bemerkenswerte Weise angenommen: genau und beharrlich bis zur Schmerzgrenze. Seine Hauptdarstellerin erhielt dafür in Cannes 2007 zu Recht den Preis für die beste weibliche Rolle.
Kann es einen Trost geben, wenn der Ehemann bei einem Autounfall ums Leben kommt? Erhält das Leben neuen Sinn, wenn die Ehefrau in den Heimatort des Toten zieht, um dort dessen Traum zu verwirklichen? Das sind Fragen, auf die es im Grunde keine Antwort gibt: weil sie nur die Hilflosigkeit derer widerspiegeln, die mit der Trauernden konfrontiert sind. Wie im Leben reagieren auch in diesem Film die Menschen verstört auf die Frau, die mit einem Verlust zurechtkommen muss, der eigentlich nicht zu verkraften ist. Falsches Mitleid, gute Ratschläge, religiöse Angebote – so weit, so klischeemäßig. Nur einen gibt es, der den fremden Schmerz aushalten kann. Einer, der einfach da ist, wenn er gebraucht wird. Mit ihm werden wir hineingezogen in einen Prozess überraschender Wendungen, der so ganz anders ist als die Vorstellung von den tagelangen Weinkrämpfen, die irgendwann den Schmerz schon wegspülen werden.

Shin-ae (Jeon Do-yeon) heißt die junge Frau, die mit ihrem sechsjährigen Sohn Jun von Seoul in die Kleinstadt Miryang zieht. Dort möchte die Klavierlehrerin nach dem Tod ihres Mannes ein neues Leben anfangen. Das klappt in der ersten halben Stunde des Films erstaunlich gut. Shin-ae scheint ihre Erfüllung gefunden zu haben, indem sie einen Wunsch ihres Mannes wahr macht. Der hatte immer davon gesprochen, wie gern er in seine Heimatstadt zurückkehren möchte. Zwar wird die junge Frau von den Alteingesessenen belächelt, beneidet und mit Argwohn überzogen. Aber dem erstaunlichen Schwung, mit dem die Trauernde ihre Aufgabe angeht, scheint das nichts anhaben zu können. Bis eines Tages ihr kleiner Sohn entführt und ermordet wird. Nun wird die äußere Reise endgültig zu einer Gewalttour ins Innere des Schmerzes.

Secret Sunshine beginnt mit der Ankunft in der Stadt Miryang, genauer gesagt mit einer Autopanne kurz vor dem Ziel. Ein gleißendes, ungewöhnlich kaltes Licht hängt von Anfang an über der Landschaft, so bedrohlich wie verhängnisvoll. Der Name der Stadt, das weiß die fremde Frau besser als der einheimische Junggeselle Jong-chan (Song Kang-Ho), bedeutet im Chinesischen so etwas wie „verborgener Sonnenschein“. Entsprechend verfremdet wirken oft die Farben und das Licht: eine bläuliche Helle, als strahle die Sonne mit Macht, aber irgendwie indirekt, unter einer ganz leichten hohen Wolkendecke versteckt. So richtig sonnig wird es merkwürdigerweise vor allem in den schlimmsten Momenten der Geschichte: wenn die Frau das Lösegeld überbringt oder wenn der Junge tot aus einem Stausee geborgen wird.

Es bleibt letztlich zu Recht unklar, wo sich der Sonnenschein verbirgt, nach dem die Trauernde 142 Minuten lang sucht. Eigentlich könnte sie eine Stütze finden in dem unkomplizierten, jungenhaften Jong-chan, der sie auf rührend beharrliche Weise begleitet. Aber es gehört eben notwendigerweise zum Zustand der Trauer, dass man das, was einem helfen könnte, nicht zu fassen bekommt. Welche unvermeidlichen Wege dieser Prozess außerdem nimmt, das zeigt dieser leise Film mit eindringlicher Geduld, auch wenn ihm eine Straffung ganz gut getan hätte. Besonders in der selbstzerstörerischen Phase der Hauptfigur, in der sie sich der Schmerzgrenze manchmal mehr als nur nähert.

Secret Sunshine

Trauerarbeit – das ist ein Wort, das leicht dahergesagt ist. Was der Schmerz über den Tod eines geliebten Menschen wirklich bedeutet, das verdrängen wir auch im Kino nur allzu gerne. Der südkoreanische Regisseur Lee Chang-dong hat sich nun des Themas auf eine bemerkenswerte Weise angenommen: genau und beharrlich bis zur Schmerzgrenze. Seine Hauptdarstellerin erhielt dafür in Cannes 2007 zu Recht den Preis für die beste weibliche Rolle.
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