Schmucklos (2019)

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Wie kann man im derzeitigen Münchner Gentrifizierungswahnsinn eigentlich noch sein Glück finden? Ein hiesiger Werbefilmregisseur und ein zuagroaster Wiener Autor versuchen es mit der Wiedereröffnung einer urigen Kneipe im ehemaligen Arbeiterviertel Giesing. Wird sie Kult – oder droht der Konkurs?

Schmucklos (2019)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

A scheena Schmarrn

Kein Geld, kein Job, kein Dach über dem Kopf – und die Freundin ist dem Münchner Werbefilmregisseur Augustin Wimmer (Thomas Schwendemann) auch noch davongelaufen. Kein Zweifel: Es lief schon mal deutlich besser im Leben des bärtigen Münchner Kindls, das obendrein noch unerwarteten Besuch aus Wien bekommt. Roland Wunderlich (Stefan Fent), ein erfolgloser Schriftsteller und flüchtiger Bekannter Augustins, steht parallel plötzlich vor der Tür. Ihm sind die Probleme seines Münchner „Spezls“ bestens bekannt: Denn auch Roland lebt chronisch prekär – und steht gerade wieder mal akut vor dem Nichts.

Nach ein paar Schnäpsen versuchen die beiden Gestrandeten aus purer Not heraus, die ehemalige Boazn (Arbeiterkneipe) von Augustins verstorbener Oma (Marianne Sägebrecht) in München-Giesing wieder in Schuss zu bekommen. „Schmucklos“ soll die neue Kneipe heißen – und modisches „Chichi“ für (neu-)reiche Münchner gefälligst draußen bleiben. Denn es reicht ja schon der zunehmende Gentrifizierungswahnsinn um das ehemalige Beisl herum, der in der weißblauen Landeskapitale inzwischen auch vor einem früheren Glasscherbenviertel wie „Giasing“, der jahrzehntelang mausgrauen Heimat des TSV 1860 München, keineswegs Halt macht.

Was geht, wird hier irgendwie vermietet, verkauft, saniert, parzelliert oder gleich abgerissen – und als Luxuswohnung neu aus dem Boden gestampft. Ist München, die einst ebenso stolze wie urige „Diva aus dem Süden“ (Der Spiegel) nun also längst zu einer neokapitalistischen Weltstadt ohne Herz erstarrt? Ja und nein, wenn es nach Thomas Schwendemann und seiner bunt zusammengewürfelten Filmcrew geht, die Schmucklos in sieben Jahren und ohne Fördermittel oder Senderbeteiligungen in imposanter „Do-it-yourself“-Mentalität auf die Beine gestellt haben.

Gut 50.000 Euro Eigenkapital hat der 1977 geborene Münchner Tausendsassa Schwendemann (Wer Vier Sind) dafür in die Hand genommen, ehe sein fiktionales Langfilmdebüt im Sommer beim Filmfest München Weltpremiere feierte. Im Rahmen der Open-Air-Reihe MINGA, Baby!, wofür Schmucklos als bayerisch-österreichisches Buddy-Movie geradezu prädestiniert ist.

Schließlich wimmelt es in dem mit 109 Minuten zwar deutlich zu langen, aber weitgehend leichtfüßigen Erstling nur so vor Lokalizismen, die vor allem Einheimischen wie auch manchen Zugereisten mehrheitlich bekannt sein dürften und Schmucklos in seinen gelungensten Szenen einige erfrischende Noten verleihen: Schenkelklopfer inklusive. Aber auch mit Groll an der Lokalpolitik hält sich dieses reichlich unkonventionelle Debüt keineswegs zurück, was ihm eine gewisse Erdigkeit verleiht und manche dramaturgische Schnitzer vergessen lässt.

Beständig zwischen heiter-skurril bis dummdreist-banal schwankt der Humor in diesem außergewöhnlichen Neo-München-Film, der obendrein mit zahlreichen Granden der ansässigen Kreativ- und Medienszene gespickt ist, von denen viele wiederum längst Teil der weiß-blauen Film- und Fernsehgeschichte sind: Von Uschi Glas (Zur Sache, Schätzchen) und Michaela May (Irgendwie und Sowieso) über Eisi Gulp (Zuckerbaby) und Günther Maria Halmer (Münchner Geschichten) bis hin zum Kabarettisten Harry G oder dem filmaffinen Ex-OB Christian Ude reicht die Palette der Schauspielsparringspartner in Schwendemanns teils vogelwildem, teils schelmisch-hinterfotzigem Spielfilmdebüt.

Dass der umtriebige Münchner Fernseh-, Theater- und Werbefilmregisseur Thomas Schwendemann, der auch als professioneller Puppenspieler an der Bayerischen Staatsoper tätig ist, früher an der Filmakademie Wien wie an der HFF München studiert hatte, sieht man Schmucklos in kleineren Filmhommagen durchaus positiv an. Lose angesiedelt, irgendwo zwischen Helmut Dietls fetzigem Serienfuror Der ganz normale Wahnsinn (Maximilian Glanz: „Woran es liegt, dass der Einzelne sich nicht wohl fühlt, obwohl es uns allen so gut geht“) und Franz Xaver Bogners (sub-)proletarischer Seriengroßtat Zur Freiheit (1987/88) ist Thomas Schwendemann mit Schmucklos ein keineswegs glanzloser Erstling gelungen. Fortsetzung folgt (bestimmt): Denn (der Mietwahnsinn in) München ist noch lange nicht am Ende.

Schmucklos (2019)

Keine Aufträge, keine Wohnung, keine Freundin, kein Geld. Dafür regelmäßig einen ordentlichen Rausch. Für Regisseur Augustin lief es schon mal besser. Den Autor Roland plagen ähnliche Probleme. Der hofft allerdings, dass ein Ortswechsel von Wien nach München die Dinge schon richten wird und wendet sich deswegen kurzerhand an seinen flüchtigen Bekannten Augustin. Auf Roland gewartet hat Augustin zwar nicht, aber das Schicksal führt die beiden über ein Bierchen zusammen. Aus der Not heraus wird die Idee geboren, die alte Giesinger Kneipe der Oma wiederzueröffnen. Die Gentrifizierung und ihr eigenes Temperament legen ihnen Hürden in den Weg, doch zusammen machen sie das „Schmucklos“ zur Kultkneipe.

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Meinungen
Normalo · 25.11.2019

Schmucklos und hirnlos...

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