Schattenland – Reise nach Masuren

Schattenland – Reise nach Masuren

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Dokument historischer Zerrissenheit

So zärtlich war Suleyken nannte Siegfried Lenz 1955 seine mittlerweile berühmten Erzählungen über groteske Gestalten aus Masuren, die er als lebenstüchtige Schelme beschrieb, die der wunderschönen, kargen Landschaft und den politischen Wirren trotzten. Wie sieht heute die Realität dieser Region des früheren Ostpreußens im Nordosten Polens aus und was ist aus ihren Menschen geworden? In seinem neusten Dokumentarfilm Schattenland beschäftigt sich der Regisseur Volker Koepp mit dieser Frage, deren Antworten auf der Reise durch Masuren und in der Begegnung mit der modernen Generation der Bewohner zu finden sind.
So sehr die polnische Gegend um Masuren auch für einen Urlaub in ansprechender Natur vor allem ihrer zahlreichen Seen wegen begehrt ist, gilt sie doch als eine der ärmsten Europas. Die Landwirtschaft ist ebenso wie die Fischerei dort ein harter Broterwerb, und besonders die jungen Leute sind bestrebt, die ohnehin spärlich besiedelte Region zu verlassen, deren zerrüttete Geschichte sich bis heute wie ein lähmender Schatten über ihre Gegenwart legt.

Das Grenzgebiet zwischen Polen und Deutschland, in dem auch litauische Ostpreußen siedelten, hat eine lange Tradition im Nationalitäten-, Sprachen- und Identitätskonflikt. Bereits der Dreißigjährige Krieg, Tatareneinfälle und russische Besatzungen haben Masuren gezeichnet und gewaltige wirtschaftliche Krisen ausgelöst. Im Ersten Weltkrieg fanden dort einige Schlachten statt, und Polen erhob nach Ende des Krieges Anspruch auf diese Region, doch die Bevölkerung entschloss sich mit großer Mehrheit zu einem Verbleib bei Ostpreußen. Die dort ansässigen Juden, die nicht flüchten konnten, wurden Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, und nach dem Zweiten Weltkrieg, der wiederum auch dort tobte, wurde Masuren schließlich Polen zuerkannt. Bleiberecht erhielten die deutschen Bewohner nur unter der Bedingung der Aufgabe ihrer Sprache und ihrer Namen, die in polnische Varianten umgeschrieben wurden. Wer sich weigerte, musste seine Heimat verlassen, was in der Folgezeit auch noch zahlreiche Opfer der Zwangsadaption an Polen als so genannte Spätaussiedler taten. Nach 1945 wurden Menschen aus der Ukraine nach Masuren zwangsumgesiedelt, die überwiegend auch heute noch dort leben und um eine eigene Identität ringen.

Mit der Wende 1989 und schließlich mit dem EU-Beitritt Polens ergaben sich erneut Migrationstendenzen und völlig andere ökonomische Bedingungen in der Region, und die mit der Marktwirtschaft unerfahrenen Bauern können kaum mehr existieren. Der wachsende Tourismus ist sicherlich eine Möglichkeit, neue Arbeitsplätze zu schaffen, doch auch das Miteinander der unterschiedlichen ethnischen Gruppen, die zwischen machtpolitischen Interessen zerrissen wurden, gestaltet sich aus ihrer Geschichte heraus äußerst schwierig, so dass notwendige Entscheidungen für Veränderungen nicht leicht zu fällen sind.

Der Dokumentarfilmer Volker Koepp, der auf eine beachtliche Filmographie zurückblicken kann, ist dieses Mal mit seinem langjährigen Kameramann Thomas Plenert nach Masuren gereist. Mit Schattenland, der in den Originalsprachen mit deutschen Untertiteln gezeigt wird, stellt er uns das bislang wenig bekannte Gebiet jenseits der touristischen Pfade vor, und wieder sind es die Menschen der Region mit ihren Hoffnungen und Ängsten, die im Mittelpunkt seines Films stehen. Seine unaufdringliche Art, ihr Leben zu dokumentieren, ist wohl ein Geheimnis seines andauernden Erfolges: „Wenn die Leute etwas sagen wollen, dann ergibt sich das auch, und wenn nicht, dann eben nicht. Es bleibt immer genügend Raum, darüber nachzudenken, was noch sein könnte, und deshalb ist gerade das Ungesagte in einem Dokumentarfilm sehr wichtig.“

Schattenland – Reise nach Masuren

So zärtlich war Suleyken nannte Siegfried Lenz 1955 seine mittlerweile berühmten Erzählungen über groteske Gestalten aus Masuren, die er als lebenstüchtige Schelme beschrieb, die der wunderschönen, kargen Landschaft und den politischen Wirren trotzten.
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Meinungen
Peter Nitsch · 26.01.2006

I was born in Grossheydekrug,Kreis Samland and live since 1955 in Ontario, Canada. The country here is identical to Masuren... I enjoy your your reports very much which are optainable thtough GOOGLE
Thanks,
Peter Nitsch

Kommentare

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