Sandstern (2018)

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Ein Kind kommt aus der Türkei nach Deutschland, weil seine Eltern dort seit Jahren leben und arbeiten. Nun muss es in einem gänzlich neuen Leben zurechtfinden und muss immer wieder mit Verlust klarkommen. Trotzdem macht der Film auch Hoffnung.

Sandstern (2018)

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Kein Wunschkonzert

Der nicht mehr ganz so kleine Oktay (wunderbar gespielt von Roland Kagan Sommer) wird nach Jahren der Trennung von seinen Eltern ins Deutschland der 1980er Jahre geholt. Davor war er bei seiner Großmutter, ist in einem Dorf in der Türkei aufgewachsen und kannte von seinen Eltern nicht viel mehr als deren Vornamen. Deshalb nennt er sie auch jetzt ganz selbstverständlich Fatma und Sabri, was vor allem die Mutter jedes Mal aufs Neue aufhorchen lässt: So hat sie sich die endlich gemeinsame Zeit als Familie nicht vorgestellt.

Aber auch Oktay purzelt plötzlich in ein Leben, das nicht das seine ist. Die langjährige Vertrauensperson, seine Oma, ist Tausende von Kilometern entfernt und wird ohne ihn an ihrer Seite sterben. In der Schule geht er nicht mehr in die sechste Klasse, sondern wird zurück in die erste Klasse gestuft: „Du erst mal Deutsch lernen“, erklärt ihm der Schuldirektor, der keinerlei Kompetenz darin zeigt, sich in seine Schützlinge auch nur annähernd hineinzuversetzen.

Wie das Leben aber so spielt, lernt Oktay in der neuen Umgebung auch Menschen kennen, die ihn liebevoll aufnehmen und ihm ein Art Ersatz-Zuhause geben. Zum einen ist dies eine Mitschülerin, eine Italienerin, die zu wissen scheint, was Oktay als Neuling in der Schule fühlen mag. Und zum anderen kümmert sich die alte Nachbarin Anna (großartig verkörpert von Katharina Thalbach) um den Jungen wie um ihr eigenes Enkelkind. Sie findet ihn eines Nachmittags im Garten, als er von zwei Mitschülern verprügelt wird. Weil Oktay sehr stark blutet, bringt sie ihn in die Notaufnahme – zum Glück. Denn Oktay ist ein Bluter, was noch niemand bislang festgestellt hatte. Anna hat ihm das Leben gerettet und kümmert sich fortan auch um seine medizinische Versorgung.

Was Sandstern ausmacht, ist seine Fülle burlesker Vorfälle und skurriler Ereignisse. Die Geschichte allein ist schon besonders und wäre für sich erzählenswert: Die Integration eines ausländischen Jungen in ein Land, das nicht seine Heimat ist, und eine Familie, die noch nicht weiß, wie Familie eigentlich funktioniert. Zusätzlich aber wird die Geschichte mit originellen Einfällen und Wendungen gespickt, die sie nicht einfach so dahinplätschern lassen, sondern spannend und eben originell machen – auch wenn bestimmt manch einer mag dem Film vorwerfen mag, dass er überfrachtet ist und zu viele Handlungselemente verknüpft.

Oktays Geschichte ist eine traurige: Immer wieder mag man die Eltern des Jungen packen und wachrütteln, Nachbarin Anna danke sagen und den Jungen in den Arm nehmen und trösten. Man ahnt, Oktay ist mit seinen Erlebnissen nicht alleine: Es wird viele Kinder geben, die ähnliches erleben. Und trotzdem bleiben nicht Frustration oder Wut im Bauch, sondern man nimmt den Optimismus und die Stärke von Anna mit aus dem Kino, die immer wieder zu Oktay sagt: „Das Leben ist kein Wunschkonzert.“ Doch so sehr Oktay die alte Nachbarin ans Herz wächst: Auch hier nimmt die Geschichte wieder eine Wendung, und Oktay muss erneut Abschied nehmen.

Regisseur Yilmaz Arslan ist eine wunderbar poetische und gleichzeitig gewitzte Coming-of-Age-Geschichte gelungen, die viele Gedanken zu den Themen Migration und Integration zwischen den Zeilen deutlich macht, ohne allzu deutlich werden zu müssen. Arslan gibt dem Film den Tonus des Märchens, rahmt ihn ein mit der Geschichte eines Beduinen und einem klangvollen Rhythmus des Orients. 

Sandstern (2018)

Sommer 1980: Der 12 jährige Oktay trifft seine in Deutschland lebenden Eltern nach Jahren der Trennung wieder. Seine Kindheit hat er nicht bei ihnen, sondern bei seiner Oma in der Türkei verbracht. Oktay mag sein neues Leben nicht, er findet keinen Zugang zu seinen Eltern und auch nicht zu diesem Land, das seine neue Heimat sein soll. Trost findet er bei der 75-jährigen Nachbarin Anna, die ihm mit gutem Essen und Lebensweisheiten zur Seite steht.

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